Neue weltwirtschaftliche Herausforderungen und Optionen einer zukunftsfähigen Unternehmens-, Technologie- und Wirtschaftspolitik

Jörg Meyer-Stamer

In Jörg Friedrich Mayer (Hrsg.), Agenda 21 für Niedersachsen - Stand und Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung auf regionaler Ebene (S. 18-29). Loccum: Evangelische Akademie, 1997 (Loccumer Protokolle, 24/97).


Was sind die neuen weltwirtschaftlichen Herausforderungen?

Betrachtet man die aktuelle Diskussion in Deutschland, so erscheint die Globalisierung als zentrales Element der neuen weltwirtschaftlichen Herausforderungen. Die Wahrnehmung wird geprägt durch die Globalisierung der Finanzmärkte, auf denen Riesensummen sekundenschnell um den Globus verschoben werden können. Aber nicht nur Geld erscheint vielen als beliebig mobil. Auch Unternehmen, so die gängige These, können heute Standorte weltweit beliebig wählen. Dies führe zu einer Nivellierung zwischen Nationalstaaten Hochlohnländer müssten Löhne, Steuern, Sozialleistungen, Umweltschutzbestimmungen und anderes nach unten anpasssen. Diese Argumentation erscheint plausibel, weil sich durch eine Reihe empirischer Beispiele illustrieren läßt: Produktionsverlagerungen innerhalb der EU von Hoch- in Niedrigkostenregionen, Produktionsverlagerungen in Niedriglohnländer außerhalb der EU, die Gründung neuer Autofabriken auf der sprichwörtlichen "grünen Wiese" und dergleichen mehr. Trotzdem ist diese Argumentation verkürzt und im Kern falsch, weil die Anforderungen, die Unternehmen an ihren Standort stellen, und die Fähigkeit verschiedener Standorte, diese Anforderungen zu erfüllen, unterschätzt werden (Meyer-Stamer 1996b, Eßer und andere 1996).

Eine alternative und sinnvollere Herangehensweise an die Frage Was sind die neuen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen? sollte von der Frage ausgehen, wie sich die industrielle Produktionsweise weltweit verändert. Innovationsökonomen sprechen von einem Wandel im techno-ökonomischen Paradigma (Freeman 1987). In der Entwicklung der industriellen Produktionsweise hat es im Abstand von mehreren Dekaden mehrfach Brüche gegeben, in denen sich neue Organisationsmuster auf der Ebene von Unternehmen, Branchen und Gesellschaft durchgesetzt haben. Diese Brüche standen stets in einem Wechselverhältnis mit tiefgreifenden technologischen Veränderungen (Technologie verstanden als Gesamtheit von Technik bzw. Hardware, Wissen und Qualifikationen sowie Organisation; Meyer-Stamer 1996a). Das letzte dieser "Paradigmen", das die Entwicklung der Nachkriegszeit geprägt hat, wird unter dem Etikett "Fordismus" diskutiert (Hirsch und Roth 1986, Marglin 1990): Die Durchsetzung der industriellen Massenproduktion führte zu dramatischen Produktivitätssteigerungen und steigenden Verteilungspotentialen. Den Gewerkschaften gelang es in langen Auseinandersetzungen, dramatisch steigende Reallöhne durchzusetzen, die eine breite Anhebung des materiellen Lebensstandards ermöglichten. Auf der gesellschaftlichen Ebene setzten sich verschiedene Varianten des Wohlfahrtsstaats mit umfassender sozialer Sicherung durch.

Dieses Wachstumsmodell stieß seit den 70er Jahren an seine Grenzen. Der Hauptfaktor, der zu einer deutlichen Abschwächung des wirtschaftlichen Wachstums führte, war ein starkes Sinken des Wachstums der Produktivität. Dies war dadurch zu erklären, daß sich die Potentiale zu einer weiteren Steigerung der Produktivität im Rahmen des Modells der Massenproduktion erschöpften. Andere Faktoren kamen hinzu, nicht zuletzt die enorme Ressourcenintensität dieses Modells, die sich unter anderem in einem hohen Energiebedarf äußerte, der zum großen Teil durch Importe gedeckt wurde und erdölexportierende Länder zeitweise zu einer starken Verhandlungsposition verhalf.

Die letzten 20 Jahre sind zu verstehen als Krise des Fordismus und die beginnende Suche nach einem neuen Paradigma. Diese Suche hat man sich natürlich nicht so vorzustellen, daß irgendwo eine Gruppe von Sozialwissenschaftlern und Ökonomen zusammensitzt und ein neues Modell ausknobelt. Genauso wie der Fordismus nie als Entwicklungsmodell geplant war, wird sich auch das neue Paradigma durch dezentrales Handeln zahlloser Akteure in ganz unterschiedlichen Sphären geprägt werden. Gleichwohl gibt es Mechanismen, durch die ein Korridor künftiger Entwicklung abgesteckt wird. Diese Mechanismen sind in verschiedenen Sphären gut zu beobachten überall dort, wo sich in den letzten Jahren neue Organisationsmuster und neue Politikmuster durchgesetzt haben. Dies wird begleitet von der Erzeugung von dem, was Soziologen "Deutungsmuster" nennen Sichtweisen und implizite Theorien, die von vielen Akteuren geteilt werden, die ihre Ansichten darüber prägen, was richtig und falsch ist, und die damit ihr Handeln anleiten.

Insofern lassen sich möglicherweise bereits einige Kennzeichen des neuen, heute entstehenden Paradigmas identifizieren:

1. In der Industrie haben sich neue Wettbewerbsmuster durchgesetzt. Standardisierte Massenproduktion wird verdrängt durch die Herstellung differenzierter Produkte. Die Bedeutung des Zeitfaktors im Wettbewerb nimmt zu. Die Durchsetzung neuer betrieblicher Organisationsmuster ("schlanke Produktion") bedeutet die Aufhebung traditioneller Tradeoffs (Flexibilität vs. Effizienz, Qualität vs. Effizienz, Schnelligkeit vs. Effizienz und Qualität) (Best 1990, OTA 1990).

2. Unternehmen konzentrieren sich auf ihre Kernkompetenz, also diejenigen Aktivitäten, die sie am besten beherrschen. Damit einher gehen steigende Anforderungen der Unternehmen an ihr Umfeld, d.h. an andere Unternehmen (Zulieferer, Subkontraktunternehmen, Lieferanten von Investitionsgütern, diverse Dienstleistungsunternehmen) sowie an das unternehmensbezogene Umfeld (Technologieinstitute, Ausbildungseinrichtungen etc.). Ein gut entwickeltes Umfeld ermöglicht die Realisierung von Spezialisierungsgewinnen und unterstützt damit die Schaffung von Wettbewerbsvorteilen (Porter 1990).

3. Es entwickelt sich im lokalen wie im globalen Maßstab ein Muster kooperativer Konkurrenz. Auf der lokalen Ebene entwickeln sich jene Regionen besonders dynamisch, die auf eine oder wenige Branchen spezialisiert sind und in denen vielfältige informelle und formelle Beziehungen zwischen Unternehmen zu kumulativen Lernprozessen führen (Storper 1995). Die Bedeutung langfristig angelegter Zulieferbeziehungen nimmt zu. Weltweit ist eine steigende Bedeutung von strategischen Allianzen zu beobachten (Hagedoorn und Sadowski 1995).

4. Auch im Bereich der politischen Steuerung sind neue Muster zu beobachten. Traditionelle hierarchische Steuerung funktioniert immer weniger, traditionelle, staatliche gelenkte Industriepolitik findet kaum noch statt. Die Bedeutung von Netzwerksteuerung, in der der Staat eher als Moderator und facilitator auftritt, steigt (Messner 1995).

5. Die Bedeutung von Wissen steigt (OECD 1996). Dies ist bislang vor allem auf der Unternehmensebene deutlich. Der aktuelle Managementdiskurs setzt auf die Mobilisierung von Wissen auf allen Unternehmensebenen (die "lernende Organisation"), während es im 19. Jahrhundert um die Unterdrückung des traditionellen handwerklichen Wissens und im Taylorismus/Fordismus um die Nutzung von Arbeitskraft mit minimalen Anforderungen an Wissen ging. Aber auch auf der gesellschaftlichen Ebene entstehen netzwerkförmige Steuerungsmuster u.a. deshalb, weil Wissen breiter zwischen diversen gesellschaftlichen Akteuren verteilt ist als früher.

Analytisch läßt sich das neue Paradigma fassen als Neudefinition der Determinanten systemischer Wettbewerbsfähigkeit (Abbildung 1; Eßer, Hillebrand, Messner und Meyer-Stamer 1994). Das heuristische Konzept der systemischen Wettbewerbsfähigkeit geht davon aus, daß nicht jene Volkswirtschaften international am wettbewerbsfähigsten sind, die die niedrigsten Löhne zahlen, sondern diejenigen, die die leistungsfähigsten institutionellen Arrangements haben. Wettbewerbsfähigkeit ruht auf vier Säulen:

1. der Fähigkeit der wichtigen gesellschaftlichen Akteure auf der nationalen, aber auch regionalen und lokalen Ebene, Strategien zu formulieren und umzusetzen (Metaebene);

2. eine soliden, verläßlichen wirtschaftlichen Makropolitik (Makroebene);

3. institutionellen Arrangements zwischen Staat, Unternehmen und anderen gesellschaftlichen Akteuren zur Entwicklung bzw. Stärkung spezifischer Standortvorteile (Mesoebene);

4. effizienten und flexiblen Unternehmen (Mikroebene).

Die bislang hohe Leistungsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft beispielsweise fußte darauf, daß sie auf jeder dieser vier Ebenen spezifische Stärken aufwies; und die Standortkrise beruht darauf, daß auf jeder Ebene Stärken in Frage gestellt und Schwächen offensichtlich werden:

1. die Abwesenheit von Visionen und die Ablehnung der Formulierung von Strategien auf der Metaebene, die stattdessen durch sterile ordnungspolitische Diskussionen geprägt wird;

2. die Verschleppung diverser notwendiger Reformen bzw. deren nur partielle Umsetzung (Besteuerung, Sozialsystem) sowie eine prozyklische Makropolitik;

3. die Unterminierung gut funktionierender institutioneller Arrangements (z.B. der regionalen Technologiepolitik) durch die Aushöhlung der finanziellen Basis von Ländern und Kommunen; daher wird es für diese immer schwieriger, das Streben der Unternehmen nach Wettbewerbsfähigkeit zu flankieren;

4. die Probleme der Unternehmen, sich auf das neue Wettbewerbsmuster einzustellen.

Die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie wird kaum durch isolierte Maßnahmen auf den einzelnen Ebenen gelingen. Das Kernproblem liegt heute auf der Metaebene: Nicht Strategieformulierung, sondern kurzatmige, selten zu Ende geführte Teilreformen prägen das Bild. Eine Strategie im Sinne eines breit geteilten Leitbildes, wie es der Wiederaufbau nach dem Kriege war ist aber genau das, was in diesem Land fehlt.

Innovation und Innovationsresistenz: Konzeptionelle Bausteine aus der Innovationsökonomie

Für den unbefangenen Beobachter ist es häufig schwierig, zu verstehen, weshalb sich interessante Innovationen nicht durchsetzen auf der Ebene von Unternehmen und Märkten wie auch auf der Ebene von Institutionen und Politiken. Innovationsresistenz erscheint nicht selten als Resultat von bornierten, kurzfristigen Machtinteressen. Tatsächlich läßt sich unter Rückgriff auf Ergebnisse der Innovationsökonomie jedoch erklären, weshalb scheinbare Innovationsresistenz ein vollständig rationales und auch ökonomisch sinnvolles Verhalten sein kann. Drei Kategorien sind für ein Verständnis hilfreich: die Unterscheidung zwischen inkrementellem und radikalem Wandel, bounded rationality (begrenzte Rationalität) und Pfadabhängigkeit.

Inkrementeller und radikaler technischer Wandel. Das vorherrschende Innovationsmuster in der Industrie, aber auch in anderen Sphären, ist der inkrementelle technische Wandel. Prozesse und Produkte werden kontinuierlich weiterentwickelt; ständig neue Generationen von PCs sind derzeit ein wichtiges Beispiel für zwar dramatischen, aber doch inkrementellen technischen Wandel. Seltener zu beobachten ist radikaler technischer Wandel, z.B. der Übergang von der mechanischen zur elektronischen Uhr oder von der Schreibmaschinen zur PC-Textverarbeitung. Radikaler technischer Wandel ist dadurch gekennzeichnet, daß in einer etablierten Industrie (die z.B. Vorrichtungen zur Messung von Zeit produziert) neue Prozeß- und/oder Produkttechniken eingeführt werden, die das akkumulierte Wissen der Unternehmen zumindest teilweise entwerten und den Rückgriff auf ganz neue Wissensbestände nötig machen. Radikaler technischer Wandel geht häufig mit tiefgreifenden strukturellen Umbrüchen einher, d.h. dem Markteintritt und schnellen Wachstum von neuen Unternehmen und dem Niedergang von etablierten Unternehmen. (Freeman 1987)

Bounded rationality. Wirtschaftliche Akteure (Manager, Ingenieure und andere) handeln im Gegensatz zu einer Grundannahme der neoklassischen Ökonomie nicht vollständig, sondern nur eingeschränkt rational (Conlisk 1996). Mit anderen Worten: Unternehmen sind nicht ständig dabei, in alle Richtungen zu optimieren und alle möglichen Optionen zu prüfen, weil dies einen viel zu großen Aufwand zur Beschaffung und Verarbeitung von Informationen erfordern würde. Die Feststellung, daß eingeschränkte Rationalität vorherrscht, schließt die Beobachtung ein, daß Unternehmen in der wahren Welt häufig keine konsequenten Gewinnmaximierer sind, sondern sich mit einer für akzeptabel erachteten Rendite zufrieden geben (Herbert Simon hat dafür den Begriff satisficing eingeführt).

Pfababhängigkeit. Wirtschaftliche Entwicklung ist pfadabhängig, d.h. die zu einem bestimmten Zeitpunkt getroffene Entscheidung führt dazu, daß ein bestimmter, z.B. technisch definierter Entwicklungspfad auch dann beibehalten wird, auch wenn im Nachhinein begründete Zweifel daran auftreten, daß er der optimale ist (David 1988). Das übliche Layout von Schreibmaschinen- und Computertastaturen ist beispielsweise nicht optimal; es existieren alternative Layouts, die eine deutlich höhere Schreibgeschwindigkeit ermöglichen. Nachdem aber einmal viele Schreibmaschinen mit einem bestimmten Layout in Nutzung waren und viele Arbeitskräfte an diesen Tastaturen ausgebildet worden waren, wären die Kosten des Übergangs auf ein anderes Layout groß gewesen auch dann, wenn dies Layout überlegen war (David 1985). Die dominierende Position des inferioren Computerbetriebssystems DOS ist ein anderes Beispiel für dieses Phänomen.

Dominanz von inkrementellem gegenüber radikalem technischen Wandel, bounded rationality und Pfadabhängigkeit sind durch eine wichtige Beobachtung zu erklären: Innovation ist nicht ein Ereignis, sondern ein Prozeß. Im landläufigen Verständnis wird die Bedeutung der Erfindung, d.h. des Nachweises, daß etwas im Prinzip funktioniert, überschätzt. Inventionen liegen häufig "in der Luft" es war letztlich ein Zufall, daß es die Brüder Wright und nicht andere Tüftler waren, die Anfang des Jahrhunderts ein flugfähiges Motorflugzeug bauten. Die Weiterentwicklung des fliegenden Gestells der Brüder Wright zu einem zuverlässigen, komfortablen Transportmittel war weit aufwendiger und teurer als der Bau des Gestells selber. Dieser Aufwand wird meist unter vielen Firmen aufgeteilt, die anfänglich in verschiedene Richtungen entwickeln, bis sich im Laufe der Zeit ein oder zwei Entwicklungspfade durchsetzen aufgrund ihrer technischen Überlegenheit, der größeren Effizienz, politischer Interessen oder von Zufällen. Innovation wird dann, wenn Entwicklungspfade definiert sind, ein kumulativer, interaktiver Prozeß jedes Unternehmen lernt von den Fehlern der anderen. Dieser Prozeß läuft um so schneller ab, je enger und präziser der Entwicklungspfad definiert ist. Die Definition eines Entwicklungspfads bedeutet nicht nur, daß Ingenieure und Techniker sich darüber verständigen, was sinnvolle und weniger sinnvolle technische Optionen sind, sondern schließt auch die Einrichtung von spezialisierten Ausbildungsgängen und Forschungs- und Technologieeinrichtungen ein, die die Pfadabhängigkeit wiederum verstärken (Dosi 1988). Bei Pfadabhängigkeit haben radikale Innovationen es schwer, sich durchzusetzen: Die Akteure, die sich implizit auf einen Entwicklungspfad verständigt haben, werden diesen normalerweise nicht verlassen. Die Durchsetzung von radikalen Innovationen erfolgt häufig dann, wenn zwei Faktoren zusammenkommen: die Entwicklung einer neuen Technik, die nicht nur deutlich überlegen ist, sondern zu einem Zeitpunkt einführungsreif wird, zu dem die etablierte Technik selbst mit hohem Kostenaufwand nur noch marginal verbessert werden kann; und die Gründung von neuen Unternehmen, die die neue Technik gegen die etablierten, mit der alten Technik verheirateten Unternehmen durchsetzen. In dieser Sichtweise ist die Tatsache, daß viele radikale Innovationen von europäischen Unternehmen entwickelt, aber nicht eingeführt worden sind, nicht überraschend und zwar nicht nur mit Blick auf die Gewinninteressen der Unternehmen, sondern auch deswegen, weil neue Technik anfänglich der etablierten Technik immer unterlegen ist, weil sie (gewissermaßen definitionsgemäß) noch nicht ausgereift ist. Deshalb können etablierte Firmen lange Zeit auf die unterlegene Performance neuer Technik verweisen so lange, bis die neue Technik hinreichend reif ist. Dann aber haben die neuen Firmen bereits lange und intensive Lernprozesse vollzogen, die den Markteintritt für ein nachholendes Unternehmen schwer machen.

Aufgrund von Pfabhängigkeit muß man von einer langfristigen Festlegung von technologischen Entwicklungen ausgehen, vor allem bei großtechnischen Systemen, also z.B Energieversorgung, Telekommunikation und Verkehr. Radikale Innovationen, die ein großtechnisches System komplett umkrempeln, sind selten. Wenn radikale Innovationen auftreten, die so offensichtlich überlegen sind, daß sie alternative Entwicklungspfade öffnen, tut sich ein Fenster der Gestaltbarkeit auf, d.h. verschiedene Akteure werden darauf Einfluß nehmen, welcher der möglichen alternativen Entwicklungspfade beschritten wird.

Was ist zukunftsfähige Unternehmens-, Technologie- und Wirtschaftspolitik?

Zukunftsfähige Unternehmens-, Technologie- und Wirtschaftspolitik ist mehr als die inkrementelle Veränderung bisheriger Politikmuster, d.h. Technologiepolitik mit etwas mehr Ökologiegehalt oder Steuerpolitik mit mehr ökologischen Komponenten. Zukunftsfähige Politik muß von der Zukunft her gedacht werden: Wie wollen wir in 20, 30 Jahren leben und arbeiten?

Es wurde oben argumentiert, daß wir uns heute in einer Phase befinden, in der das alte, fordistische Paradigma erschöpft ist und sich ein neues Paradigma noch nicht durchgesetzt hat. Wie der Fordismus wird auch das neue industriell geprägte Entwicklungsparadigma durch ein spezifisches Wechselverhältnis der Organisationsmuster auf allen vier Ebenen gekennzeichnet sein, wobei es eine offene Frage ist, welche Ebene einstweilen die dominierende ist. Unbestreitbar ist jedoch, daß heute in verschiedenen Bereichen Weichenstellungen anstehen bzw. stattfinden, die die Entwicklung der kommenden Jahrzehnte prägen werden. Radikaler technischer Wandel spielt dabei eine wichtige Rolle. Radikale Innovationen in der Telekommunikation beispielsweise haben bereits dazu geführt, daß Telekommunikation kein "natürliches Monopol" mehr ist und sich eine neue, wettbewerblich strukturierte Industriestruktur durchsetzen konnte. Dies war jedoch nicht allein das Ergebnis einer technischen Innovation, sondern auch des davon zunächst unabhängigen Paradigmenwechsels in der politisch-ökonomischen Diskussion (die Legitimationskrise des interventionistischen Staats und die Hegemoniestellung neoliberaler Argumentationsmuster).

Technologie- und Industriepolitik gewinnt in einer solchen Situation eine andere Bedeutung als in Phasen, in denen ein Entwicklungspfad etabliert ist und inkrementeller technischer Wandel vorherrscht. Unter einem stabilen Paradigma kann es ausreichend sein, die Rahmenbedingungen für unternehmerische Innovationen zu schaffen auf der Makroebene in Form von Wettbewerbsdruck und Stabilität, auf der Mesoebene in Form einer differenzierten Struktur von unternehmensbezogenen Institutionen. Insofern ist es z.B. mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen nie verkehrt, eine harte, aber mit ökonomisch sinnvollen Instrumenten operierende Umweltpolitik durchzusetzen, weil dadurch Innovationsprozesse in Unternehmen stimuliert werden (Porter und Linde 1995). Derartige Aktivitäten sind auch in der aktuellen Situation wichtig und sinnvoll. Sie sind aber nicht ausreichend.

Ziel der Politik muß es heute sein, den Übergang zu einem neuen Paradigma zu gestalten. Ein neues Paradigma läßt sich weder am grünen Tisch noch in einer Planungszelle planen. Aber es wäre auch fatal, seine Entstehung der Anarchie des Marktes zu überlassen und erst im Nachhinein, wenn die Eckdaten soweit definiert sind, politisch zur Schadensminimierung einzugreifen. Es geht in der aktuellen Situation deshalb darum, daß sich die Schlüsselakteure vergegenwärtigen, daß nicht politisches Alltagsmanagement auf der Tagesordnung steht, sondern langfristige Weichenstellungen wichtige Entscheidungen, die heute getroffen werden, können langfristige Entwicklungspfade festlegen oder blockieren.

Die gegenwärtige Situation sollte als offener Suchprozeß begriffen werden. Für einen solchen Suchprozeß sind ad-hoc-Maßnahmen und Krisenmanagement, wie sie heute die Politik prägen, nicht angemessen. Was wir stattdessen brauchen, ist die Organisation von gesellschaftlichen Suchprozessen. Nehmen wir das Beispiel der Kommunikationsinfrastruktur: Hier findet derzeit fraglos radikaler Wandel statt. Individual- und Massenkommunikation sind nicht mehr sauber auseinanderzuhalten, Telekommunikation und Datenverarbeitung werden immer stärker miteinander verwoben. Es bildet sich, mit anderen Worten, gerade ein neuer Entwicklungspfad heraus. Dessen Gestaltung findet bislang in einer Weise statt, die einem demokratischen Gemeinwesen unangemessen ist: in einem Dialog zwischen Wissenschaft und Unternehmen mit gelegentlicher Beteiligung der Exekutive, aber unter weitgehendem Ausschluß der Legislative und der Betroffenen. Die eigentlich Betroffenen, die Bürger nämlich, kommen in dem Prozeß nur gelegentlich vor, etwa als Teilnehmer von Feldversuchen. Dies jedoch ist nicht Partizipation, denn wenn eine Technik in einen Feldversuch geschickt wird, sind die meisten wichtigen Parameter bereits entschieden.

Dieses Verfahren ist nicht nur demokratisch unakzeptabel, sondern auch ökonomisch kontraproduktiv. Diejenigen Akteure, die neue Kommunikationsinfrastrukturen erdenken und entwickeln, handeln mit großer Wahrscheinlichkeit pfadabhängig, d.h. werden eher zu inkrementellen als zu radikalen Innovationen neigen bzw. radikale Innovationen nur sehr dosiert angehen (z.B. radikal neue Technik, die aber im Rahmen alter Organisationsmuster eingesetzt wird). Auf diese Weise werden Kreativitätspotentiale verschenkt, die genutzt werden könnten, wenn auch solche Akteure frühzeitig eingebunden würden, deren Denkstrukturen zum Thema Kommunikationsinfrastruktur noch nicht verfestigt sind, also z.B. normale BürgerInnen. Dies liefe hinaus auf den Einsatz von Instrumenten wie Konsensus Konferenzen (TAB 1996) oder Zukunftswerkstätten (Jungk und Müllert 1989), um jenseits der heute wirksamen Pfadabhängigkeit über künftige Entwicklungspfade nachzudenken. Derartige Verfahren könnten Orientierungen liefern für die weitere Technologieentwicklung Inventionen gibt es genug, und es geht darum, jene Inventionen zu identifizieren, deren Weiterentwicklung gesellschaftlich wünschenswert ist.

Was hat das mit lokaler Agenda 21 zu tun?

Globalisierung und Lokalisierung sind komplementäre Prozesse: Um global operieren zu können und auf einem wettbewerbsintensiven Weltmarkt zu bestehen, brauchen Unternehmen ein leistungsfähiges Umfeld, das lokal geschaffen wird. Daraus ergeben sich neue Anforderungen an die Standortpolitik auf der lokalen und regionalen Ebene, d.h. an kollektive Anstrengungen zur Verbesserung des Umfelds. Daran beteiligt sind verschiedene staatliche Akteure sowie die Unternehmen und ihre Verbände, die Gewerkschaften, Wissenschaft und andere. Häufig entsteht ein Handlungsdruck durch Betriebsschließungen, Abwanderung, Stagnation vieler Firmen und steigende Arbeitslosigkeit.

Es besteht also nicht nur die Chance, sondern in vielen Regionen die Notwendigkeit zur Formulierung einer lokalen bzw. regionalen Entwicklungsstrategie (z.B. Bäumer 1996, Wallis 1996). Eine solche Strategie sollte mehr sein als ein Konzept, in dem für die nächsten anderthalb Jahre allerlei Projekte zur Standortverbesserung geplant werden. Strategieformulierung sollte vielmehr betrieben werden wie in Ostasien, nämlich als Antwort auf die Frage: Wie sehen wir unsere Region in 20 Jahren, und wie kommen wir dahin?

Wenn es nun darum geht, ein Leitbild bzw. eine Zielvorstellung für eine langfristige Strategie zu finden, wird es zu nachhaltiger bzw. zukunftsfähiger Entwicklung kaum eine Alternative geben. Die Agenda 21 mit ihrem Zieldreieck ökologische, soziale und wirtschaftliche Entwicklung bietet einen Orientierungsrahmen für lokale Strategieformulierung: Kaum jemand wird sich vorstellen wollen, daß die Lebens- und Wirtschaftsweise in 20 Jahren ressourcenintensiver und schmutziger sein könnte als heute; die sozialen Probleme von Armut und Arbeitslosigkeit manifestieren sich vor allem auf der lokalen Ebene und erzeugen hier einen Problem- und Handlungsdruck; und wie wichtig eine solide wirtschaftliche Basis ist, wissen vor allem die Akteure in jenen Regionen, in denen diese Basis abgetragen wird.

Eine lokale Agenda 21 bedeutet also nicht zwangsläufig, daß sich die Konflikte zwischen Ökologie und Ökonomie weiter zuspitzen, sondern kann im Gegenteil einen Ausweg aus diesem Konflikt weisen. Es geht um die Beantwortung der Frage: Welche künftige zukunftsfähige Wirtschaftsstruktur streben wir an, d.h. in welchen Bereichen wollen wir Arbeitsplätze schaffen, die Produkte und Dienstleistungen mit einer wesentlich geringeren Ressourcenintensität (hinsichtlich Prozeß und Produkt) erzeugen?

Daß dies kein einfacher Prozeß sein wird, muß nicht betont werden die aktuelle Polarisierung zwischen den Forderungen der Unternehmen nach Kostenentlastung und Deregulierung und Parolen wie "Konkurrenz belebt das Geschäft und zerstört die Lebensgrundlagen" (BUND Berlin 1996, 17) ist schließlich nicht zu übersehen. Eine lokale Agenda 21 als Strategieformulierungsprozeß erfordert auf allen Seiten weitgehende Anpassungsprozesse: Unternehmen müssen ihre Pfadabhängigkeit überwinden und staatliche Akteure ihre bürokratischen Routinen und Ressortplänkeleien, und gesellschaftliche Gruppen müssen liebgewonnene Denk- und Argumentationsmuster revidieren bzw. weiterentwickeln. Es lassen sich beliebig viele Argumente dafür finden, daß dies ganz unvorstellbar ist. Es gibt freilich eine ganz einfache Methode, um die Bedenkenträger ins Grübeln zu bringen: Man transportiere sie nach Mittelengland, um ihnen zu demonstrieren, was passiert, wenn eine Region sich hartnäckig notwendigen Anpassungsprozessen verweigert.

Literaturverzeichnis

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