Das Internet als Beispiel dezentraler Techniksteuerung Konsequenzen für Technologiepolitik in Deutschland

Jörg Meyer-Stamer

Der "Information Highway", so schrieb der Economist (1995), muß nicht geschaffen werden, sondern existiert bereits in Form des Internets. Das Kernargument dieses Beitrags ist, daß der Erfolg des Internets nicht den Sieg der Anarchie gegenüber der gesteuerten Technikentwicklung markiert, sondern den Sieg einer spezifischen gegenüber einer anderen Form der Techniksteuerung: den Sieg einer Techniksteuerung, die verbindliche Rahmendaten setzt, damit einen Entwicklungskorridor etabliert und dessen detaillierte Ausgestaltung dezentralen Akteuren überläßt, gegenüber einem zentralistischen Modell, in dem Techniksteuerung von oben bis ins Detail betrieben wird.

In diesem Beitrag wird zunächst das Konzept des "technologischen Korridors" vorgestellt und auf das Internet bezogen. Im anschließenden Abschnitt wird der Erfolg des Internets mit verschiedenen grundlegenden Veränderungen im Bereich der Informationstechnologie in Zusammenhang gebracht. Abschließend werden einige Schlußfolgerungen für Techniksteuerung und Technologiepolitik in Deutschland gezogen.

Technologische Korridore und Internet

Technologische Korridore

Technologische Korridore (trajectories, Dosi 1982) sind ein zentrales Element für das Verständnis technischer Entwicklung. Technologische Korridore werden durch eine gemeinsame Sichtweise und ein gemeinsames Suchmuster definiert. Es gibt für das Entstehen von technologischen Korridoren eine ökonomische wie auch eine technische Rationalität. Zum einen haben Unternehmen aufgrund der mit Lernprozessen verbundenen Kosten ein Interesse daran, daß ihr akkumuliertes technologisches Know-how und ihre technische Hardware nicht durch radikale Umbrüche entwertet werden (Kemp und Soete 1992, 445). Darüber hinaus reduziert die Existenz eines technologischen Korridors die Unsicherheit; Dosi argumentiert, daß die mit Innovationen verbundene Unsicherheit wesentlich größer ist, als die meisten ökonomischen Modelle annehmen: "It involves not only lack of knowledge of the precise cost and outcomes of different alternatives, but often also lack of knowledge of what the alternatives are." (Dosi 1988, 1128)

Zum anderen besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Definition eines Korridors und erfolgreicher Innovation. Die relative Sicherheit eines technologischen Korridors stimuliert inkrementelle Innovationen, durch die erst das Produktivitätspotential einer Technologie erschlossen wird. Der Grund liegt im kumulativen Charakter von Technologie, d.h. der Bedeutung der kontinuierlichen Akkumulation von Know-how und der ständigen, schrittweisen Verbesserung von Prozessen und Produkten.

Technologische Korridore werden im Laufe der Zeit enger, weil eine Kanonisierung von Herangehens- und Sichtweisen (Normierung und Standardisierung, Lehrbuchwissen, sunk investment in Firmen) stattfindet. Nicht selten umfaßt die gemeinsame Sichtweise auch gemeinsame Vorurteile der beteiligten Ingenieure darüber, was der Markt verlangt (Dosi 1988, 1128).

Im Gegensatz zu gängigen Vorstellungen setzt sich bei der Entscheidung über einen technologischen Korridor häufig nicht die ökonomische, meist aber auch nicht die technische Rationalität durch. Entscheidungen für eine bestimmte und gegen andere technologische Entwicklungslinien fallen aufgrund von ökonomischen, technischen und politischen Interessen, und das Ergebnis hat häufig Zufallscharakter; ein oft zitiertes Beispiel ist das Layout der Schreibmaschinentastatur (David 1985). Typischerweise fällt eine solche Entscheidung lange bevor das Potential und die Gefahren, der Kosten und der Nutzen einer Technologie klar absehbar sind. "In many cases, a technology is not chosen because it is efficient, but becomes efficient because it has been chosen" (OECD 1992, 41), d.h. sie entwickelt eine überlegene Qualität oder Produktivität, weil sich die Entwicklungsanstrengungen auf sie konzentrieren und dadurch kumulative Lerneffekte erzeugt werden.

Mit der Herausbildung von technologischen Korridoren geht die Diskriminierung technischer Alternativen und die Entwicklung von Widerständen gegen bahnbrechende technische Neuerungen einher (OECD 1992, 40). Ein technologischer Korridor wird für die darin befindlichen Unternehmen nicht selten zur Sackgasse spätestens dann, wenn mit immer größeren Anstrengungen nur noch minimale Verbesserungen erzielt werden. Kommt es wofür in einer solchen Situation die Bedingungen günstig sind zu einem technologischen Bruch in einer Branche, haben etablierte Unternehmen häufig große Probleme, auf die neue Technologie umzuschwenken. Die Marktzutrittsbarrieren sinken drastisch, d.h. es steigt die Wahrscheinlichkeit, daß Unternehmen mit radikalen Innovationen neu in einen Markt eintreten und etablierte Firmen verdrängen; die Schweizer Uhren- und die deutsche Schreibmaschinenindustrie lieferten in der jüngeren Vergangenheit Anschauungsmaterial für dieses Phänomen.

Ein synonymer, assoziativ vielleicht noch stärkerer Begriff zur Beschreibung dieses Phänomens ist Pfadabhängigkeit: Industrielle Entwicklung verläuft auf der Mikroebene der Unternehmen wie auch auf der Ebene von Branchen nicht beliebig, d.h. für die einzelwirtschaftlichen Akteure stehen im Gegensatz zu den vereinfachenden Annahmen der Neoklassik nicht zu jedem Zeitpunkt beliebig viele Optionen offen. Eine Automobilfirma wird nicht heute Fahrzeuge mit Ottomotor bauen, bei der nächsten Generation nur noch auf Diesel setzen, dann eine Zeitlang nur Fahrzeuge mit Elektromotoren bauen und nach einem Intermezzo mit dem Wankelmotor wieder zum Ottomotor zurückkehren. Die einmal getroffene Entscheidung für den Korridor Ottomotor setzt ein ganz entscheidendes Datum für künftige Entscheidungen. Kurz: Industrieunternehmen irren nicht durch die Technologielandschaft, sondern folgen einem einmal eingeschlagenen Pfad zumindest solange, wie sich dafür einigermaßen plausible Gründe finden lassen.

Das Internet als Technikkorridor für internationale Datenkommunikation

Für das Verständnis des Internets sind die Korridor-Überlegungen vor allem aus einem Grund bedeutsam: Sie helfen verstehen, weshalb sich technische Alternativen nicht durchgesetzt haben. Diese technischen Alternativen existierten in den 80er Jahren in Form von Videotex-/BTX-Systemen und wurden in den 90er Jahren in Form von geschlossenen Systemen (z.B. Microsoft-Network) lanciert.

Bei der Festlegung der Topographie des Internets, d.h. in der Retrospektive: bei der Definition eines Entwicklungskorridors für internationale Datenkommunikation, griff eine ganz spezifische Logik: Weil der Ursprung des Netzes im militärischen Sektor lag, war die Überlebensfähigkeit im Fall eines Nuklearkriegs ein entscheidendes Kriterium. Daher schied eine zentralistische, leicht verwundbare Topographie aus. Es entstand eine Topographie mit vielen Knotenrechnern und einem Kommunikationsprotokoll, das darauf ausgelegt war, auch beim Ausfall diverser Knotenrechner und Leitungsverbindungen zu funktionieren (Hart, Reed und Bar 1992).

Die Topographie des Internets ist das exakte Gegenteil der Topographie anderer großtechnischer System, z.B. der Art und Weise, wie elektrischer Strom erzeugt und verteilt wird. Als in Deutschland im späten 19. Jahrhundert die Entscheidung über die Topographie des Elektrizitätssystems anstand, gab es im Prinzip zwei technische Optionen: einerseits gewissermaßen die Internet-Variante, d.h. ein System, in dem die elektrische Energie dezentral erzeugt wurde und das Netz als Ausgleich für Ausfälle bzw. Verbrauchsspitzen ausgelegt war; andererseits die dann realisierte Variante mit Gebietsmonopolen für Erzeugung und Verteilung. Die Entscheidung für die zweite Option war weder technischen noch ökonomischen Gründen geschuldet, sondern ergab sich aus der besseren politischen Durchsetzungsfähigkeit der Hersteller elektrischer Großanlagen gegenüber den kleineren Motorenproduzenten, die von der ersten Variante profitiert hätten (Radkau 1989).

Die dezentrale Topographie des Internets hat sich nicht durchgesetzt, weil sie die effizienteste war (wobei es durchaus sein kann, daß sie tatsächlich die effizienteste war), sondern weil sie zu dem Zeitpunkt, als der Bedarf nach internationaler Datenkommunikation stark zunahm, bereits weit entwickelt war, gut funktionierte und auf eine etablierte Struktur von Unterstützern, Standardisierungskomitees etc. bauen konnte.

Das Internet im Kontext der Entwicklung der Informationstechnologie

Der Internet-Boom der ersten Hälfte der 90er Jahre ist ein Sieg der dezentralen Techniksteuerung "von unten" gegenüber zentralistischen Strategien. Der Erfolg des Internets ist freilich nur zu verstehen im Kontext von anderen Phänomenen:

(1) dem PC-Boom und der neuen Logik in der Elektronikindustrie,

(2) den Liberalisierungstendenzen in der Telekommunikation,

(3) der Internationalisierung der wissenschaftlichen Kommunikation.

Die neue Logik in der Elektronikindustrie

Die Akteure in der Elektronikindustrie und die Logik, der sie folgen, haben vor allem, aber nicht allein in der Computerindustrie in den 80er Jahren begonnen, sich fundamental zu ändern. Dies gilt sowohl für die Beziehungen zwischen Endproduktherstellern und ihren Kunden, den Anwendern, als auch für die Beziehungen zwischen Komponenten- und Endproduktherstellern (Meyer-Stamer 1995). Für das Verständnis des Internet sind vor allem die veränderten Beziehungen zwischen Endproduktherstellern und Kunden bedeutsam.

Die Interaktion zwischen Hersteller und Anwender war lange Zeit geprägt durch ein Handlungsgeflecht, das der üblichen Struktur im Vertrieb von Investitionsgütern entsprach. Vorherrschend war eine enge Kollusion zwischen betrieblichen EDV-Experten und den Vertriebsleuten von EDV-Herstellern, die heftig mit den Kommunikationsproblemen und Konflikten zwischen EDV-Experten und EDV-Anwendern innerhalb eines Betriebes kontrastierte. Die EDV-Organisation war in Anwenderunternehmen lange Zeit hochzentralisiert; denn die organisatorischen Strukturen, die in der frühen Phase der "Stapelverarbeitung" und der zentralen Dateneingabe (die es heute nur noch in Finanzämtern gibt) etabliert wurden, haben sich lange erhalten; und auch viele EDV- Hersteller (allen voran der größte, IBM) haben ihre Unternehmensstruktur entsprechend ausgerichtet.

Diese Struktur wurde schon seit langem mit den "wilden PCs", d.h. der nicht gesteuerten, nicht kontrollierten Einführung von Computern durch die Mitarbeiter durchbrochen; und heute schwindet mit der fast beliebigen Vernetzbarkeit unterschiedlichster Rechner mit verschiedenen Betriebssystemen jegliche technische Notwendigkeit einer zentralen Beschaffungsentscheidung für Hardware (dies gilt wohlgemerkt nicht für Software!). EDV- Beschaffungsentscheidungen werden dezentral getroffen, und die Logik ist häufig eine reine Kostenlogik: Wer liefert mir zum günstigsten Preis die Rechenleistung, die ich brauche? Damit setzt sich zwischen Hersteller und Anwender eine Logik durch, wie sie noch nicht einmal auf dem Markt für langlebige Konsumgüter (wo es gemeinhin so etwas wie Markentreue gibt) existiert: Wenn die Produkte weitgehend austauschbar werden, weil sie sich in Qualität und Leistungsfähigkeit kaum unterscheiden, entscheidet nur noch der Preis (Borrus 1993).

Verstärkt wird dies Phänomen in der EDV-Industrie noch durch zwei Tendenzen (Morris und Ferguson 1993). Erstens: Universal-Architekturen verdrängen Speziallösungen dedizierte Textverarbeitungssysteme oder CAD-Hardware wurden durch normale PCs und Workstations abgelöst. Zweitens: Low-end-Systeme verdrängen high-end-Systeme. Noch Ende der 80er Jahre verursachte die Prognose, daß vernetzte PCs Großrechnern den Platz streitig machen könnten, weit mehr Heiterkeit als Bauchgrimmen. Heute ist dies Realität, und IBM das vor wenigen Jahren als das zukunftssicherste Großunternehmen galt steckt in einer tiefen Krise, auf die es mit einer radikalen Strukturanpassung reagiert.

Beim Umbruch in der Elektronikindustrie handelt es sich in der Terminologie von Freeman (1987) um einen technologischen Bruch aufgrund von radikalen Innovationen, die die Entwicklungsrichtung der ganzen Branche verändern; dies einzusehen fällt den Beteiligten angesichts der Tatsache, daß die Branche insgesamt relativ jung ist nicht leicht.

Als Zaubermittel gegen die Nachteile der neuen Logik wird derzeit vor allem eines diskutiert: Die Fähigkeit eines Unternehmens, ein neues Marktsegment zu schaffen, andere Firmen in dieses Segment zu integrieren, gleichzeitig aber die technologische Kontrolle dieses Segments nicht aus der Hand zu geben, d.h. die technischen Standards zu kontrollieren. Das neue Zauberwort heißt: Proprietäre Architekturen in offenen Systemen (Morris und Ferguson 1993). Paradigma-bildend haben Firmen wie Sun gewirkt der Workstationhersteller, der schon frühzeitig die Grundarchitektur seiner Mikroprozessoren offengelegt und an andere Hersteller subkontrahiert hat. Andere Beispiele sind Intel, Microsoft, Novell oder Adobe. Das Gegenbeispiel liefern Unternehmen wie Apple, die ihr Wachstumspotential dadurch beschränkt haben, daß sie bis vor kurzem ihr System vollständig geschlossen hielten.

Das Internet ist ein nachgerade paradigmatisches offenes System. Hier scheint sich ein besonderes Modell der Durchsetzung proprietärer Architekturen durchzusetzen. Netscape, der Hersteller des am weitesten verbreiteten WWW-Browserprogramms, hat die neue Logik wohl am besten verstanden: Die Firma gab anfänglich ihre nutzerfreundliche und effiziente, aber nicht sonderlich spezifische Software kostenlos an die Nutzer ab und etablierte damit einen Kundenstamm. Im nächsten Schritt wurden spezifische Features eingeführt, die nur mit dieser Software zu nutzen waren. Gleichzeitig führte die Firma WWW-Serverprogramme ein, die diese Features unterstützten und damit WWW-Anbietern die Möglichkeit gaben, sich einer bereits etablierten Nutzergruppe in einer optisch ansprechenden Weise zu präsentieren. Diese Serverprogramme werden für teures Geld verkauft.

Liberalisierung in der Telekommunikation

Die Sichtweise der Telekommunikation hat sich in den letzten ein, zwei Dekaden grundlegend gewandelt: Galt sie früher als natürliches Monopol, so wird sie heute als Bereich gesehen, in dem durch Konkurrenz eine besondere Dynamik erzeugt werden kann. Diese Veränderung ging aus von Erfahrungen in den USA und setzte sich in einigen europäischen und Entwicklungsländern fort. Die Liberalisierungstendenzen in der Telekommunikation führten zu einer Reduzierung von Tarifen, verbessertem Service und einer Senkung der Zutrittsbarrieren für Anbieter von Mehrwertdiensten. Dies waren essentielle Voraussetzungen dafür, daß sich eine Vielzahl von Internet-Anbietern (access providers) etablieren konnte meist kleine Firmen, die für Geschäfts- und Privatkunden in einer bestimmten Region Internet-Zugang anbieten und technisch organisieren sowie zusätzliche Dienstleistungen wie die Erstellung und Verwaltung von WWW-Seiten anbieten.

Internationalisierung der wissenschaftlichen Kommunikation

Das Internet ist bislang kein Kommunikationsinstrument für jederfrau. Es hat seinen Ursprung in der militärischen und nichtmilitärischen Forschung, und hier sowie im Hochschulbereich ist seine Nutzung bislang am weitesten verbreitet. Auch wenn in den letzten Jahren viele kommerzielle Firmen eine Internet- Präsenz entwickelt haben, ist es bislang noch zum größeren Teil ein Kommunikationsmedium für wissenschaftlich-technische Kommunikation. Es ist gewissermaßen die richtige Technik zur rechten Zeit: Mit der zunehmenden Differenzierung der wissenschaftlichen Disziplinen ist es für WissenschaftlerInnen zunehmend schwierig, innerhalb ihrer Region oder auch ihres Landes Diskussionspartner zu finden. Zugleich führt insbesondere in der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung der zunehmende Aufwand für Forschung dazu, daß Projekte von vornherein international angelegt werden. Beides führt zu einer starken Zunahme des Bedarfs an Kommunikation und das Internet bietet hier das weitaus günstigste Kosten-/Nutzenverhältnis.

Konsequenzen für Techniksteuerung und Technologiepolitik in Deutschland

Ziel von Technologiepolitik sollte es sein, möglichst viele Gestaltungsoptionen offenzuhalten. Dies kann konkret zweierlei bedeuten:

(1) Es wird in einer frühen Phase der Entwicklung eines technologischen Korridors eine Variante gewählt, die die späteren Nutzungsmöglichkeiten möglichst wenig präjudiziert dies ist die Internet- Variante.

(2) Es werden für einen bestimmten Zeitraum technische Alternativen offengehalten, d.h. der Staat finanziert für einen gewissen Zeitraum zwei oder drei alternative Korridore, um einer vorschnellen Schließung technologischer Alternativen vorzubeugen.

Der Erfolg des Internets markiert nicht den Sieg der Anarchie gegenüber der gesteuerten Technikentwicklung, sondern den Sieg einer spezifischen gegenüber einer anderen Form der Techniksteuerung: den Sieg einer Techniksteuerung, die verbindliche Rahmendaten setzt, damit einen Entwicklungskorridor etabliert und dessen detaillierte Ausgestaltung dezentralen Akteuren überläßt, gegenüber einem zentralistischen Modell, in dem von oben Techniksteuerung bis ins Detail betrieben wird und die Technikentwicklung angebotsgetrieben (supply-driven) ist (wie es in Bereichen wie BTX, ISDN und Kabelfernsehen in Deutschland der Fall war und derzeit gerade bei digitalem Radio stattfindet, vgl. Kleinsteuber 1994). Die Popularität des Internets rührt zu einem großen Teil daher, daß es Nutzungsformen nicht präformiert, sondern ein offenes System mit niedrigen technischen und ökonomischen Zugangsbarrieren ist, das von den verschiedensten Akteuren kreativ und experimentell genutzt werden kann. Der geringe Aufwand, mit dem jederfrau an Universitäten und sonstwo weitgehend beliebige Angebote im World-Wide Web bereitstellen kann, oder die überraschende Innovation des Internet-Phone sind Beispiele dafür.

Die Einsicht in die möglichen Vorteile dezentraler Techniksteuerung hat wichtige Konsequenzen für die Art und Weise, wie die Deregulierung der Telekommunikation und die Gestaltung neuer Telekommunikationsdienste in Deutschland gestaltet wird. Bislang ist nicht erkenntlich, daß die herrschenden Politikkonzepte in diesem Bereich den Problemlagen angemessen sind. Dies ist fatal, denn mit den Entscheidungen, die heute anstehen, werden Weichenstellungen für Dekaden vorgenommen es werden Entwicklungspfade abgesteckt, die so bald nicht wieder verlassen werden können. Und es deutet einiges darauf hin, daß die von bislang beteiligten Akteuren ins Auge gefaßten Entwicklungspfade, vorsichtig gesagt, suboptimal sind. Sie entsprechen nicht längerfristigen gesellschaftlichen Interessen, sondern sollen aktuelle Probleme lösen: Weil es in der Vergangenheit zugelassen wurde, daß die Post zu einem immobilen, kundenunfreundlichen und ineffizienten Koloß verkommen konnte, stehen wir heute vor der Situation, daß einschneidende Maßnahmen die Probleme der Vergangenheit lösen, ohne die Herausforderungen der Zukunft auch nur in den Blick zu nehmen.

Die Herausforderung der Zukunft besteht sicher auch darin, eine Marktstruktur zu schaffen, in der Großkunden wie Unternehmen ihre Telekommunikationskosten auf das Niveau ihrer Konkurrenten in anderen Ländern senken können. Sie besteht vor allem aber darin, eine Struktur zu schaffen, die zukunftsfähige Kommunikationsformen ermutigt und diese Dimension ist in der aktuellen Diskussion kaum präsent. Die traditionelle Dichotomie zwischen Massen- und Individualkommunikation, die in Auflösung begriffen ist, bestimmt in Deutschland noch das Feld und, als ob dies nicht schon schlimm genug wäre, in beiden Teilbereichen mit Konzepten, die zu scharfer Kritik Anlaß geben. In der Massenkommunikation werden (z.B. beim digitalen Fernsehen, Kleinsteuber 1996) Tests nach dem Muster "mehr vom Gleichen" durchgeführt mit einer starken quantitativen Ausweitung des Angebots, dessen Zusammensetzung sich aber nicht substantiell von dem heutigen unterscheidet und das Interaktivität im Kern auf die Möglichkeit des Bestellens beim Teleshopping beschränkt. In der Individualkommunikation bietet sich ein ähnliches Bild: Statt einer bunten Szenerie von großen und kleinen, alten und neuen Unternehmen wird die Szenerie von wenigen Kolossen beherrscht, von denen sich einige nicht eben als Speerspitze der Innovation profiliert haben Bertelsmann, Springer und Burda, Telekom, Veba und andere dominieren Dienste und Infrastruktur. Eines der Probleme der Privatisierung und Deregulierung ist hier, daß sie einen starken bias für Großunternehmen einführt und dieser bias wird noch stärker ausfallen, wenn Unternehmen gezwungen werden, flächendeckend anzubieten.

Ein wichtiger Erklärungsfaktor für das vorherrschende Muster ist die bislang dominierende Entscheidungsstruktur: enge, geschlossene Policy-Netzwerke, die von Wissenschaftlern, Technikanbietern und Ministerialbürokraten dominiert werden. Policy-Netzwerke sind im Prinzip eine sinnvolle und angemessene Art, hochkomplexe Industriegesellschaften zu regieren, weil in ihnen Staat und gesellschaftliche Akteure gemeinsam Probleme definieren und Lösungen ersinnen; auf diese Weise lassen sich das Informations- und das Implementationsproblem reduzieren, mit denen der Staat beim Versuch hierarchischer Steuerung konfrontiert ist (Messner 1995). Die Akteurskonstellation im Bereich der Medienpolitik indes ist ein Musterbeispiel für die potentiellen (und in diesem Fall manifesten) Nachteile von Policy-Netzwerken: Wenn sie zu eng angelegt sind, entwickelt sich eine Disposition zu innovationsfeindlichem Verhalten eine kollektive Lernresistenz, die dazu führt, daß neue gesellschaftliche Trends oder überhaupt gesellschaftliche Bedürfnisse nicht wahrgenommen werden.

Notwendig sind in der Industrie- und Technologiepolitik Entscheidungen über neu einzuschlagende Entwicklungskorridore (Meyer-Stamer 1996). Diese Entscheidungen werden kaum in den etablierten Policy- Netzwerken getroffen werden, denn hier sind vor allem jene Akteure vertreten, die fest im vergangenen Entwicklungspfad verankert sind. Unternehmen passen sich an ein radikal anderes Umfeld an, indem sie intern Störpotential stimulieren und mobilisieren und sich "neu erfinden" oder sie scheiden in einer Situation radikalen Umbruchs aus dem Markt aus. Branchen verändern sich in einer Situation radikalen Umbruchs grundlegend einst dominierende Unternehmen gehen unter, neue Unternehmen wachsen schnell, und einigen alten Unternehmen gelingt es unter hohen Kosten und nach schmerzhaften Umorientierungsprozessen, sich für das neue Umfeld fit zu machen. Gesellschaften schaffen es, sich neu zu organisieren, Akteursnetzwerke umzugestalten, neue Netzwerke zu schaffen oder neue Akteure in bestehende Policy-Netzwerke hineinzulassen oder sie stagnieren und können ein einmal erreichtes Wohlstandsniveau kaum halten.

Es geht mithin um die Stimulierung und Organisation eines gesellschaftlichen Diskurses über die absehbare technologische Entwicklung: Die Betonung liegt dabei auf gesellschaftlicher Diskurs kleine Diskussionszirkel von Politikern, Unternehmenschefs und Wissenschaftlern (wie sie z.B. von der SPD gefordert werden) hat es in der Vergangenheit schon gegeben, und sie haben sich nicht besonders gut bewährt. Was uns fehlt, sind offene Lernprozesse. Solche Diskurse können auf sehr unterschiedlichen Ebenen ablaufen. Technologisch bedeutsame Entscheidungsprozesse beispielsweise waren in Deutschland bislang meist dadurch gekennzeichnet, daß sie in kleinen Expertenzirkeln abliefen. Selten meldeten sich wie etwa im Fall ISDN Kritiker aus dem Kreis der Expertokratie zu Wort, und noch seltener die einzigen Beispiele sind wohl Kernenergie und Gentechnologie fand ein Diskurs auf der gesellschaftlichen Ebene statt. Im Gegenteil: Öffentliche Kritik an der Gentechnologie wurde nicht nur nicht als Anlaß genutzt, eine offene Diskussion zu initiieren, sondern als Angriff auf den Biologie-/Chemiestandort Deutschland denunziert. Andere Länder z.B. Dänemark (Sclove 1994) praktizieren hier eine ganz andere Vorgehensweise: Sie organisieren technologische Diskurse, in denen Wissenschaftler und Ingenieure ein Projekt vor einer Gruppe von Bürgern verteidigen müssen. Dabei kommen oft wichtige Anregungen für die weitere Entwicklung und ihre gesetzliche Regulierung heraus; gerade Unternehmen werten dieses Prozedere, das sie vor Fehlentwicklungen bewahren kann, mittlerweile sehr positiv.

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