Das Ende des Nord-Süd-Konflikts

Jörg Meyer-Stamer

Veröffentlicht in "Politische Bildung", Jg.27, 1994, Nr.1, S.60-73


Einleitung

Lassen Sie sich vom Titel dieses Aufsatzes nicht in die Irre führen: Natürlich ist der Nord- Süd-Konflikt nicht einfach vorbei. Das zentrale Argument dieses Artikels ist, daß sich in den Beziehungen zwischen dem ehemaligen Norden und dem ehemaligen Süden derzeit ein fundamentaler Wandel vollzieht. Was vorbei ist, ist die explizite Konfrontation zwischen den Industrie- und den Entwicklungsländern. Der Charakter des Wandels läßt sich am deutlichsten mit dem Hinweis auf die dramatisch fortschreitende Differenzierung innerhalb des ehemaligen Südens verdeutlichen: Auf der einen Seite steht eine Region, Afrika, in der Erfolgsfälle noch immer mit der Lupe gesucht werden müssen; auf der anderen Seite eine andere Region, Ost- und Südostasien, in der sich Muster der gesellschaftlichen Organisation wirtschaftlicher Entwicklung herauskristallisieren, die denen der Industrieländer möglicherweise überlegen sind und mithin eine ernstzunehmende Herausforderung für unser Wohlfahrtsmodells darstellen.

Unsere Sicht auf die Entwicklungsländer wird in dreifacher Weise verzerrt:

Es entsteht das Bild einer hoffnungslos armen Zweidrittelwelt, für die wirtschaftlicher Wohlstand auf Jahrzehnte hinaus unerreichbar sein wird. Der Realitätsgehalt dieses Bildes ist freilich begrenzt. Im folgenden Abschnitt entwerfe ich ein Szenario, das ein ganz anderes Bild zeichnet.

Blick zurück aus der Zukunft

Hamburg, im Oktober 2029. Beginn des Vorruhestands, 71. Geburtstag - ein geeigneter Moment für einen Rückblick auf die letzten Jahrzehnte, auf die Beziehungen zwischen dem, was früher mal die OECD, und dem, was einstmals die Dritte Welt war. Vor 40 Jahren, am Beginn der 90er Jahre, vermuteten wir, daß dies der Zeitpunkt sei, an dem das Verhältnis sich grundlegend verändere - Stichwort Zusammenbruch der sozialistischen Welt, Ende des Ost-West-Konflikts. Heute jedoch ist deutlich: Der Wendepunkt lag zu einem früheren Zeitpunkt - dem Beginn der 80er Jahre nämlich. Die 70er Jahre waren durch eine (zumindest rhetorisch intensive) Nord-Süd-Konfrontation bestimmt - Exportkartelle, lautstarke Forderungen nach Exportpreisstabilisierung, nach einem milliardenschweren Fonds zur Finanzierung von Technologietransfer, nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung und einer neuen Weltinformationsordnung.

All dies war zu Beginn der 80er Jahre vorbei. Das einzige Kartell, das noch aussichtsreich erschien, war das Schuldnerkartell. Aber auch das materialisierte sich nicht. Stattdessen verschob sich das Kräfteverhältnis: Die Verhandlungsmacht des seinerzeitigen Südens schrumpfte drastisch. Einige Industrieländer, vor allem aber internationale Finanzinstitutionen verordneten den damaligen Entwicklungsländern Anpassungsprogramme, die deren wirtschaftliche, politische und soziale Strukturen tiefgreifend veränderten. Gleichzeitig lehnten die damaligen Industrieländer sich gelassen zurück, versanken in Arroganz und Überheblichkeit ob ihrer scheinbaren Unangreifbarkeit - nicht ahnend, daß das, was sie da dem Süden verordneten, eine grundlegende Verschiebung des Kräfteverhältnisses einleitete.

Der Blick auf den Süden war bis weit in die 90er Jahre geprägt durch die Krisenerfahrung der 80er, als die Zahl der Armen in Lateinamerika, Afrika und Südasien nach oben geschnellt war. Es entging jedoch nicht wenigen Beobachtern, daß in der gleichen Periode in jener Region, in der die meisten Menschen leben, nämlich in Ost- und Südostasien, eine genau gegenläufige Tendenz vorherrschte - ein Wirtschaftsboom ohnegleichen, der zu einer breiten Anhebung des Wohlfahrtsniveaus führte.

Die Verzerrung der Wahrnehmung lag nicht zuletzt darin begründet, daß es seinerzeit noch einen eigenständigen Politikbereich (Entwicklungspolitik) und eigenständige wissenschaftliche Forschungsdisziplinen (Entwicklungsökonomie, Entwicklungsländersoziologie u.a.) gab, die alle die Illusion nährten, daß es sich bei den Gesellschaften des Südens und den Beziehungen zwischen Nord und Süd um etwas ganz Spezifisches handelte. Dadurch wurde der Blick auf den Süden systematisch verzerrt: Weil der Süden als arme Region definiert wurde, zogen Entwicklungspolitiker, Entwicklungsökonomen und Entwicklungssoziologen durch Entwicklungsländer und zählten Arme. Sie übersahen dabei allerdings, daß es neben der Armut auch noch dynamische Industrialisierungsprozesse gab, die in nicht wenigen Ländern sogar dazu führten, daß es immer weniger Arme gab.

Es dauerte bis weit in die 90er Jahre, daß den damaligen Industrieländern eine grundlegende Revision dessen gelang, was man bis dahin unter Entwicklungspolitik verstanden hatte. Verschiedene Faktoren trugen dazu bei, daß es überhaupt zu einer Revision kam:

Gegen Ende der 90er Jahre hatte sich das Erscheinungsbild der "Entwicklungshilfe-Branche" weitgehend gewandelt. In vielen, vor allem kleineren Industrieländern gab es überhaupt keine staatlichen Entwicklungshilfe-Agenturen mehr. Was es gegeben hatte, war privatisiert worden, bekam eine Grundfinanzierung durch den Staat und mußte sich ansonsten um Aufträge internationaler Organisationen und Stiftungen sowie um Spenden bemühen. In den anderen Ländern wurden die Organisationen drastisch verkleinert; sie verlagerten einen großen Teil ihrer Koordinationsaktivitäten in die Empfängerländer, beschäftigten dort aber vorwiegend Experten aus dem Land oder - soweit diese nicht zur Verfügung standen - aus der Region. Der Typus des weißen Experten, der jahrelang in einem Entwicklungsland arbeitete, starb, wenn auch langsam, aus.

In Deutschland - wo es seit jeher mit der Existenz eines eigenständigen Ministeriums eine besondere Organisationsform der Entwicklungshilfe gegeben hatte - fielen die Einschnitte vergleichsweise tief aus. Der Umzug der Exekutive nach Berlin gab den Anlaß zu einer Reorganisation der Bundesverwaltung, der unter anderem das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zum Opfer fiel. Seine Aufgaben wurden verschiedenen Trägern übertragen:

Die Zahl der Empfängerländer von Entwicklungshilfe nahm nur deshalb kaum ab, weil - vor allem in Afrika sowie (aus der Erbmasse der ehemaligen Sowjetunion und der VR China) in Zentralasien - eine Reihe von Staaten neu entstanden, die durch Strukturschwäche und weitverbreitete Armut gekennzeichnet waren. Insgesamt jedoch nahm der Anteil der Weltbevölkerung, der in Empfängerländern von staatlicher Entwicklungshilfe lebten, kontinuierlich ab und sank um 2015 erstmals unter die 20-%-Marke. In den meisten Regionen besannen sich die Länder auf ihre eigenen Kräfte, wobei in Südasien ein spezieller Faktor hinzukam: Der massive Rückfluß von Emigranten, die aufgrund zunehmender Ausländerfeindlichkeit und sich verschlechternder materieller Lebensbedingungen die alten Industrieländer verließen, führte zu weitreichenden Veränderungen in der Sozialstruktur, namentlich zu einem Machtverlust traditioneller Oligarchien. Die Re- Migranten brachten nicht nur technisches und organisatorisches Know-how, sondern auch veränderte Wertvorstellungen mit. Ökonomische und politische Modernisierung, die von der alten und der neuen Mittelklasse ausgingen, mündeten in hohe wirtschaftliche Wachstumsraten - und zugleich eine breitenwirksame Entwicklung, denn es wurden elementare soziale Sicherungssysteme eingeführt, die häufig der neuen Sozialpolitik ähnelten, die seit den 90er Jahren in Lateinamerika umgesetzt worden war.

Die wirklich neue internationale Arbeitsteilung

Im Jahre 2014 fiel Deutschland erstmals aus den "Top Ten" der Liste der wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften heraus - als vorletztes europäisches Land. Den Spitzenplatz hielt unverändert die Südchinesische Föderation, die 2006 nach dem Zerfall der Volksrepublik China entstanden war und u.a. Taiwan, Hongkong und die frühere Provinz Guangdong umfaßte. Ihr dicht auf den Fersen waren das (seit 2002 wiedervereinigte) Korea und Brasilien. Von den alten atlantischen Industrieländern gehörte neben den USA, die schon seit den 80er Jahren die asiatische Herausforderung deutlich wahrgenommen hatten, lediglich Finnland noch zu den "Top Ten", denn dort hatte der Zusammenbruch der Sowjetunion zu einer tiefen Krise geführt, auf die die Gesellschaft mit weitreichenden strukturellen Anpassungen reagiert hatte.

Die Europäer litten unter einer Kombination von Pech und Ignoranz. Unter Pech ließen sich die periodischen Kreditausfälle in einigen osteuropäischen Ländern, die ihre Wirtschaft nicht in den Griff bekamen, verbuchen. Der Abschreibungsbedarf lag häufig in zweistelliger Milliardenhöhe. Gleichwohl war Ignoranz der wohl bedeutendere Faktor: Die starke Introspektion und dadurch die Unfähigkeit, die weltwirtschaftlichen Herausforderungen wahrzunehmen, reduzierten die Anpassungskapazität in Europa. Während in Ostasien vermeintliche Schwellenländer (Taiwan, Südkorea) schon damit begannen, die einfacheren Bereiche ihrer Elektronikindustrie in Schwellenländer der zweiten Generation auszulagern, waren die Europäer noch immer damit beschäftigt, ihre Landwirtschaft, den Bergbau und die Stahlindustrie zu hätscheln. Die Schwerpunktsetzung auf eine defensive Politik, das Bemühen um die Verteidigung des Erreichten, aber auch vollständig inadäquate, rückwärtsgewandte Strukturreformen (etwa die Erleichterung der Einrichtung von Leichtlohngruppen oder Zugangsbeschränkungen an den Universitäten) führten letztlich dazu, daß Europa sich von einer ökonomischen Kern- zu einer Marginalregion wandelte (wofür damals der Begriff der "Irlandisierung" geprägt wurde). Alte Industriezweige stagnierten und schafften es meist nicht, sich an den neuen Wettbewerb anzupassen - was nicht zuletzt damit zusammenhing, daß viele wichtige Unternehmen über hundert Jahre alt waren und eher zwischen Gicht und Alzheimer hin- und herschwankten als radikale Verjüngungskuren durchführten. Neue Industriezweige entstanden zwar, sahen sich jedoch mit einem Umfeld konfrontiert, das durch die jahrelange Vernachlässigung von Universitäten und Forschungsinstituten geprägt und daher weit weniger attraktiv war als jenes in Taiwan, Korea oder im Südosten der USA. Auch im Bereich der produktionsorientierten Dienstleistungen, deren Bedeutung für den Markterfolg schnell zunahm, hinkte Europa hinterher.

Dies kontrastierte aufs Heftigste mit der industriellen Dynamik, die seit den 80er Jahren immer mehr Länder Ost- und Südostasiens erfaßt hatte und die in den 90er Jahren auch auf Lateinamerika übergriff - insbesondere nach der Stabilisierung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Brasilien, die ab 1995 zu zweistelligen Wachstumsraten führte und die Region insgesamt stimulierte. Es dauerte lange, zu lange, bis die Unternehmen im Westen begriffen hatten, daß aus diesen vermeintlichen Entwicklungsländern eine Herausforderung entstand, die den weltweiten Wettbewerb auf eine neue Grundlage stellte. Die neuen Unternehmen, deren Markennamen heute jedes Kind kennt (Yukong, Brahma, Souza Cruz, Astra und viele mehr), verbanden effiziente, kostengünstige Produktion mit hoher Qualität, Flexibilität und Innovativität - Faktoren, die im Westen damals noch als zueinander im Widerspruch stehend aufgefaßt wurden. Sie knüpften - insbesondere in den asiatischen Ländern - an ein hohes Bildungsniveau an, das seit der Jahrhundertwende schließlich höher war als irgendwo sonst. Es war keine Billiglohn-, sondern eine organisatorische Herausforderung - die neuen Unternehmen sahen sich rasch mit der Forderung nach drastischen Reallohnsteigerungen konfrontiert und konnten ihr auch nachkommen, weil sie einfach besser organisiert und daher wettbewerbsfähiger waren. Demgegenüber gerieten viele europäische Unternehmen in eine Abwärtsspirale von sinkenden Reallöhnen, abnehmender Arbeitszufriedenheit, rückläufiger Produktivität und nachlassender Qualität.

Vision und Wirklichkeit

Es gehört zu den Definitionsmerkmalen von Szenarien, daß sie in starkem Maße spekulativ sind, ohne vollständig aus der Luft gegriffen zu sein. Dies gilt entsprechend auch für das vorstehend entworfene. Es ist eine Fortschreibung bestimmter Tendenzen, die schon heute zu beobachten sind. Natürlich ist es eine selektive Fortschreibung - Tendenzen werden unterschiedlich gewichtet; und einiges erscheint vor der Hand noch als fabuliert. Gleichwohl gilt: Es muß nicht so kommen, aber es kann so kommen.

Der Hauptpunkt dieses Szenarios ist, daß die Aufteilung der Welt in reiche und arme Länder nichts Endgültiges ist. Genauso wie es unter den reichen Ländern Fälle von Stagnation oder Abstieg gibt (z.B. Großbritannien), gibt es im Süden Regionen dynamischer Entwicklung. Die dynamischste von ihnen ist Ost- und Südostasien - eine Region, die 30% der Weltbevölkerung beheimatet. Nach Japan sind mittlerweile auch die "4 Tiger" (Südkorea, Taiwan, Hongkong, Singapur) in die Gruppe der Industrieländer aufgestiegen. Andere Länder - Malaysia, Thailand, Indonesien und die VR China - sind ihnen auf der Spur.

Es ist nicht nur der rasche Aufstieg dieser Länder, der für die tiefgreifenden Veränderungen steht, die sich in den 80er Jahren vollzogen haben. Diese Länder haben seit langem - im Fall Südkoreas und Taiwans seit den frühen 60er Jahren - eine Entwicklungsstrategie verfolgt, die gleichzeitig auf den Aufbau einer nationalen Industrie und die aktive Integration in die Weltwirtschaft zielte. In den meisten anderen Entwicklungsregionen ist die gegenteilige Strategie verfolgt worden: Ein Industrialisierungsmodell, das auf die Abschottung vom Weltmarkt setzte; ein Modell, das die Abhängigkeiten von den Fluktuationen der Weltwirtschaft dadurch vermeiden sollte, daß die Importabhängigkeit auf ein minimales Niveau gedrückt wurde - das Modell der importsubstituierenden Industrialisierung (ISI). Und es ist die zweite tiefgreifende Veränderung der 80er Jahre, daß nicht nur deutlich geworden ist, daß dieses Modell in eine Sackgasse geführt hat, sondern die entsprechenden Länder - in Lateinamerika, Afrika und Südasien - überdies die Transition zu einem neuen, erfolgversprechenderen Modell eingeleitet haben.

Das Scheitern der importsubstitutierenden Industrialisierung

Ein Kernpunkt des entwicklungsstrategischen Denkens war lange Zeit die Vorstellung, daß die Eingliederung in den kapitalistischen Weltmarkt sich vor allem als Entwicklungsblockade auswirken würde - in der frühen Phase entwicklungsstrategischer Überlegungen, den 50er Jahren, war die Erinnerung an die Weltwirtschaftskrise noch sehr lebendig. Gewählt wurden daher Entwicklungswege "binnenmarktorientierter Industrialisierung". Die quantitativen Erfolge, das Entstehen vertikal und horizontal verflochtener Industrieapparate wie in Indien oder Brasilien, haben lange Zeit über die geringe Qualität der Industrialisierung hinweggetäuscht. Heute zeigt sich, daß in diesen Ländern nur wenige Industrieunternehmen ein Effizienz- und Qualitätsniveau erreicht haben, das internationalen Standards entspricht.

Das Entwicklungsmodell importsubstitutierender Industrialisierung ist nicht primär an externen Faktoren (Ölpreis-, Zinsexplosion und Verschuldungskrise), sondern an seinen immanenten Widersprüchen gescheitert. Es lassen sich fünf Gründe identifizieren:

Nicht die Weltmarktorientierung, sondern die Abkopplung von der internationalen industriellen Dynamik führte also in die Sackgasse. Armut und wirtschaftlich-politische Krise sind im wesentlichen Ergebnis des alten Entwicklungsmodells, das große Teile der Gesellschaft von den Wachstumsgewinnen ausschloß.

Das neue Modell: Spezialisierung und aktive Weltmarktintegration

Stabile, offene Volkswirtschaften können entweder passiv von Standortvorteilen profitieren, oder sie können aktiv Wettbewerbsvorteile entwickeln. Die überkommenen Vorteilsfaktoren der "alten" und der "neuen" internationalen Arbeitsteilung verlieren allerdings rasant an Bedeutung. Die Erfolgschancen für eine "passive Weltmarktintegration" sind daher gering. In der "alten" internationalen Arbeitsteilung profitierten die Entwicklungsländer von natürlichen Standortfaktoren - mineralischen und anderen Rohstoffvorkommen oder günstigen naturräumlichen Bedingungen zur Erzeugung von Fleisch oder Pflanzen. In der "neuen" internationalen Arbeitsteilung stimulierten niedrige Arbeitskosten die Verlagerung bestimmter Produktionsschritte (einfache Montagetätigkeiten) in bestimmten Industriezweigen (Elektronik, Bekleidung). Dieser Trend hat jedoch seine Zukunft bereits hinter sich, und mit der Ausbreitung neuer Produktionskonzepte (Stichwort lean production) wird dieses Muster - das hocharbeitsteilige Produktionsstrukturen voraussetzt - weiter an Bedeutung einbüßen.

Was die natürlichen Standortfaktoren angeht, so sind es drei Faktoren, die ihre Bedeutung unterminieren:

Damit ist klar, daß es kein Zurück zu den Zeiten geben wird, in denen Entwicklungsländer - genauer: die Ober- und Mittelschicht in Entwicklungsländern - ihren Wohlstand auf die Exporte unverarbeiteter Rohstoffe aufbauen konnten. Diese Länder (Beispiele sind etwa Argentinien, Chile oder Malaysia) haben heute zwei Alternativen: Entweder sie nehmen wirtschaftliche Stagnation oder sogar Abstieg in Kauf, oder sie bauen dynamische komparative Vorteile auf. Konkret: Sie exportieren nicht irgendwelche Rohstoffe, die sie irgendwie erzeugt oder zu Tage gefördert haben, sondern

Klassische ökonomische Konzepte, die sich an statischen, vorhandenen Faktorausstattungen orientierten (Arbeit, Boden, Kapital), sind also hinfällig; Wettbewerbsvorteile sind heute in den meisten wirtschaftlichen Bereichen "man-made". Dies gilt nicht nur in komplexen Industrien, sondern auch in ressourcenbasierten Sektoren. Dies ist eine negative und eine positive Botschaft für Länder, die sich bisher primär auf natürliche Ressourcen und ressourcennahe Industrien verlassen haben. Negativ, weil sich heute kein Land dauerhaft auf vorhandene Kostenvorteilen stützen kann und damit die Anforderungen im Entwicklungsprozeß steigen. Positiv ist, daß nicht nur in einigen wenigen technologieintensiven Wachstumsbereichen der Weltwirtschaft eine dynamische weltmarktorientierte Spezialisierung möglich ist, sondern auch ehemals "traditionelle" Produkte Wachstumspotentiale bereitstellen und technologische Lernprozesse ermöglichen.

Ein Beispiel ist die chilenische Holz- und Möbelindustrie. Ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit fußte zunächst auf günstigen Standortbedingungen. Mittlerweile ist jedoch deutlich, daß sie nur dann erfolgreich gegen die Konkurrenz aus den Industrieländern bestehen kann, wenn es ihr gelingt, rasch international übliche Kommerzialisierungs- und Organisationskonzepte zu entwickeln, neueste Technologien einzusetzen, spezifische Wettbewerbsvorteile und "technologische Kompetenz" aufzubauen. Dazu sind zunehmend nicht nur wettbewerbsfähige Unternehmen, sondern auch sektorspezifische Institutionen und Politiken notwenig. Dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit hat in diesem Sinne einen systemischen Charakter und ist weniger von der gegebenen Faktorausstattung als vielmehr von der Geschwindigkeit abhängig, mit der Wettbewerbsvorteile geschaffen und verbessert werden.

Das Argument, daß eine solche Strategie am Protektionismus der Industrieländer scheitern müsse, ist falsch: Die schon mehrfach angesprochenen ost- und südostasiatischen Länder haben in den 80er Jahren gezeigt, daß der Weltmarkt noch immer große Spielräume für neue Anbieter bietet; nicht von ungefähr wächst der Welthandel schneller als die Weltwirtschaft, und der Anteil der Entwicklungsländer an den Weltexporten hat in den letzten drei Jahren von 17,5 auf 20% zugelegt. Länder wie Chile haben in den 80er Jahren demonstriert, daß selbst für vermeintlich einfache Produkte wie Äpfel, Wein oder Lachs ein großes Absatzpotential auf dem Weltmarkt besteht.

Drei Herausforderungen

Entwicklung, dies war die implizite Botschaft des vorstehenden Abschnitts, ist auf absehbare Zeit nicht ohne Industrialisierung denkbar. Ernsthafte Alternativen dazu sind nicht erkennbar. Rural-ökologische Modelle, die mitunter als Alternative präsentiert werden, werden der Realität im größten Teil des Südens nicht gerecht: Wenn die Verstädterungsquoten weit jenseits der 50-%-Marke liegen, wenn überdies das Bevölkerungswachstum hoch ist, ist ein Modell, das allen Menschen ihre eigene Scholle zur Subsistenzproduktion des Überlebensnotwendigen zusichern will, völlig unrealistisch. Gerade in armen und (bezogen auf die landwirtschaftliche Nutzfläche) relativ bevölkerungsreichen Ländern sind arbeitsteilige Strukturen, bei denen der größere Teil der Bevölkerung nicht in der Landwirtschaft tätig ist, unvermeidbar.

Dabei stellen sich jedoch zwei gravierende Probleme. Erstens: Moderne Landwirtschaft und Industrialisierung schaffen Umweltprobleme. Zweitens: Moderne Landwirtschaft und Industrialisierung lösen nur selten das Beschäftigungsproblem.

Herausforderung 1: Ökologie

Der Schlüssel für die Lösung der weltweiten Umweltprobleme liegt nicht im Süden. Auch wenn die Vorstellung einer Massenmotorisierung in China beängstigend ist: Die Hauptverursacher der weltweiten Umweltzerstörung werden in zehn und wohl auch in 20 Jahren noch die heutigen Industrieländer sein, die bislang kaum Ansätze zeigen, den Verpflichtungen nachzukommen, die sie in der UNCED 1992 eingegangen sind. Ansätze für ein umweltverträgliches Wirtschaftsmodell müssen mithin in erster Linie im Norden verfolgt werden. Ein Wirtschaftsmodell, bei dem die entwickelten Industrieländer mit nur noch einem Drittel des bislang üblichen Energieinputs auskommen, ist sicher eine politische, keineswegs jedoch eine technisch-ökonomische Utopie. Seine Einführung könnte im Weltmaßstab zu Emissionsverringerungen führen, die durch dynamische Entwicklungsprozesse im Süden nicht überkompensiert würden.

Das konkrete Ausmaß der Umweltzerstörung, das durch moderne landwirtschaftliche und industrielle Produktion und Konsumtion verursacht wird, ist variabel. Es hängt von zweierlei ab: Einerseits von der regulativen Kompetenz des Staates, andererseits von der technologischen Kompetenz der Produzenten. Beide Elemente beziehen sich sowohl auf Prozesse (d.h. die Herstellung) als auch Produkte (d.h. das, was herauskommt). Aufgabe des Staates ist es, Gesetze und Verordnungen nicht nur zu erlassen, sondern auch durchzusetzen, die die Unternehmen sowohl zu umweltschonender Produktion (z.B. der Substitution von Chlor in der Papierproduktion) als auch zu umweltverträglichen Produkten (z.B. emissionsfreien Autos) zwingen. Dies allein reicht jedoch nicht aus. Darüber hinaus geht es darum, gesellschaftliche Diskurse und Lernprozesse darüber zu organisieren, wie ein umweltverträglicher Lebensstil aussehen könnte. Dies wiederum wird zu weitreichenden Steuerungserfordernissen führen, z.B. einer Verkehrspolitik, die die Individualmotorisierung entmutigt.

In Sachen Regulierung stehen sich heute zwei Auffassungen gegenüber. Die eine Auffassung, die vorherrschende, besagt: Umweltschutz muß sein, aber nicht zuviel und nur, wenn die anderen es auch machen. Diese Auffassung impliziert, daß Unternehmen dann am leistungsfähigsten sind, wenn sie in einem laschen Umfeld ohne unnötigen Druck arbeiten können. Die andere Auffassung, die industrieökonomisch gut belegbar, politisch aber schwer durchzusetzen ist, besagt das genaue Gegenteil: Je stärker der Außendruck auf Unternehmen ist, um so leistungsfähiger und insbesondere innovativer werden sie. Es mag sein, daß kurzfristig für die Unternehmen Probleme auftreten, wenn sie mit scharfen Umweltnormen konfrontiert werden. Mittel- und langfristig werden jedoch diejenigen Unternehmen am wettbewerbsfähigsten sein, die frühzeitig Lösungen für ökologische Probleme gefunden haben. Dies gilt um so mehr, als es an technischen und organisatorischen Alternativen in vielen Bereichen (Verkehr, Energieerzeugung, viele einfache und langlebige Konsumgüter) nicht mangelt. Diese Unternehmen werden, wie viele Erfahrungen zeigen, bei der Suche nach neuen Lösungen neue Prozesse und neue Produkte finden; und sie werden dabei Effizienzsprünge in der Produktion erzielen und ganz neue Märkte erschließen. All dies setzt allerdings ein Lern- und Innovationspotential voraus, daß viele Unternehmen in den entwickelten Industriestaaten allem Anschein nach nicht besitzen; ihr Lobbying ist einer der Gründe dafür, daß im Norden kein einschneidendes Umsteuern begonnen hat.

Die geringe Wandlungsfähigkeit im Norden ist nicht zu trennen von der geringen Bereitschaft der Regierungen im Süden, ihrerseits einschneidende umweltpolitische Maßnahmen zu ergreifen. Das Leitbild ihrer Entwicklung, die anzustrebenden Produktions- und Konsummuster, ist geprägt durch das Vorbild des Nordens. Dieses Leitbild wird sich erst dann ändern, wenn sich auch das Vorbild ändert, sprich: wenn im Norden ökologische Strukturreformen eingeleitet werden. Eine andere Variante ist zwar theoretisch vorstellbar: nämlich, daß in fortgeschrittenen Entwicklungsländern die Chance erkannt wird, mit einer ökologisch verträglichen Produktionsweise wachstumsstarke und hochprofitable Marktsegmente im Norden zu erobern. Dafür, daß diese Variante realisiert wird, gibt es jedoch derzeit keinerlei Hinweise.

Herausforderung 2: Armut

Ein Wohlstand, wie ihn heute im Norden mindestens zwei Drittel der Gesellschaft genießen, ist das Ergebnis von Entwicklung durch Industrialisierung - und zwar nicht einer beliebigen Industrialisierung, sondern einer effizienzorientierten Industrialisierungsstrategie, die zu einem kontinuierlichen Produktivitätswachstum führt und dadurch den Spielraum zu starken Reallohnsteigerungen schafft. Allerdings: Vollbeschäftigung oder sogar Arbeitskräfteknappheit (wie in Deutschland in den 60er Jahren, in Korea, Taiwan und Malaysia heute) sind Ausnahmeerscheinungen, die vorübergehend in Phasen extrem hoher Wachstumsraten der industriellen Produktion auftreten. Wachstumsraten unterhalb von 4%, wie sie in den meisten Industrie- und vielen Entwicklungsländern heute üblich sind, führen ohne eine Umverteilung von Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung und die Differenzierung von Beschäftigungsverhältnissen zu einem jobless growth, einem Wachstum ohne Abbau von Arbeitslosigkeit.

Es ist völlig unrealistisch anzunehmen, daß ein großer Teil der Menschheit durch Beschäftigung in der Industrie zu einem Einkommen kommen kann. Es ist noch nicht einmal realistisch anzunehmen, daß eine hinreichend große Zahl von Menschen in absehbarer Zeit in großen Staaten wie China, Indien, Indonesien oder Brasilien im formellen Sektor - moderne Landwirtschaft, Industrie, produktionsorientierte und andere formelle Dienstleistungen - beschäftigt werden kann. Es ist, kurz gesagt, nicht davon auszugehen, daß zwei Drittel der Menschheit im Wohlstand leben werden. Dies impliziert jedoch nicht den Umkehrschluß, daß der größere Teil der Menschheit im Elend leben müsse; zwei Beobachtungen sprechen dagegen.

Erstens gibt es starke Hinweise darauf, daß die Zahl der Menschen, deren Wohlstand zunimmt, rasch wächst. Für die asiatischen Entwicklungsländer wird prognostiziert, daß eine Milliarde Menschen im Jahr 2000 ein hinreichendes Wohlstandsniveau erreicht haben wird, um sich dauerhafte Konsumgüter (Kühlschränke, Fernseher u.ä.) leisten zu können. 200 Millionen von ihnen werden sogar so wohlhabend sein, daß sie sich teure Anschaffungen wie moderne Wohnungen oder Autos leisten können. In diesen Ländern hat sich im übrigen auch das Bevölkerungswachstum stark verlangsamt; in Ländern wie Südkorea wird schon heute darüber nachgedacht, wie mit der absehbaren starken Zunahme des Anteils alter Menschen an der Gesamtbevölkerung umgegangen werden soll - eine Frage, die uns nur allzu bekannt vorkommt.

Zweitens haben sich die verschiedenen Regionen des Südens in der letzten Dekade in eklatant unterschiedlicher Weise entwickelt. Dies wird z.B. deutlich, wenn man die Veränderungen in der Zahl der Armen betrachtet. Tabelle 1 zeichnet die Veränderungen in der Zahl der Armen zwischen der Mitte und dem Ende der 80er Jahre nach - in einer Phase also, in der nach landläufigen Vorstellungen die Zahl der Armen aufgrund von Wirtschaftskrise und Strukturanpassungen deutlich zugenommen hat. Tatsächlich zeigt sich, daß die Zahl der Armen im Süden insgesamt in dieser Phase nicht schneller gewachsen ist als die Bevölkerungszahl insgesamt. In Afrika und Südasien stagniert der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung, allerdings auf hohem Niveau; in Lateinamerika nimmt er zu, in Ostasien ab.

Im speziellen Fall Lateinamerikas spricht einiges dafür, daß die Zunahme des Elends ein Übergangsphänomen dargestellt hat - beim Übergang vom alten, binnenorientierten zu einem neuen, nicht mehr allein auf den Binnenmarkt setzenden Entwicklungsmodell. Damit verbunden ist in einigen Ländern eine grundlegende Revision von Sozialpolitik. In der Vergangenheit wurde die Sozialpolitik der Industrieländer imitiert und damit ausgerechnet jener Teil der Bevölkerung begünstigt, für den Beschäftigung im formellen Sektor die Lebensgrundlage darstellte - die Mittelklasse also. Heute hingegen wird eine Sozialpolitik in Angriff genommen, die den tatsächlich Bedürftigen zugute kommt.

Damit beginnen einige lateinamerikanische Länder die Erfahrung zu wiederholen, die in der Vergangenheit die Industrieländer geprägt hat: Wenn schon nicht alle Menschen durch formelle Beschäftigung aus der Armut zu befreien sind, so schafft die Dynamik des modernen Sektors doch zumindest die Voraussetzungen dafür, daß ein Überschuß entsteht, der zu den Bedürftigen umverteilt werden kann. Zumindest in Lateinamerika und in Ost- und Südostasien existieren heute die ökonomischen Voraussetzungen dafür, eine in diesem Sinne moderne Sozialpolitik einzuführen. Ob dies tatsächlich erfolgt, hängt von zweierlei ab: Zum einen von der Erosion traditioneller Solidaritätsmechanismen (durch Wertewandel, durch die Auflösung alter Familienstrukturen, durch die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage), die überhaupt erst die Notwendigkeit schafft, daß der Staat aktiv werden muß; zum anderen von den Veränderungen in den gesellschaftlichen Bewußtseins- und Legitimitätsstrukturen, die insbesondere in Lateinamerika die Voraussetzung dafür sind, daß sich die politische Elite überhaupt für die Armen interessiert, ja sie überhaupt wahrnimmt.

Herausforderung 3: Wettbewerbsfähigkeit

Entwickelte Industriegesellschaften wie die Bundesrepublik müssen heute ihr Verhältnis zu dem, was sie bislang als Süden wahrzunehmen gewohnt waren, grundlegend verändern. Zu den zwei oben genannten Herausforderungen - ökologischer Umbau, bessere Verteilung von Wohlstandsgewinnen (gerade auch weltweit, in jene Regionen, die an der aktuellen industriellen Dynamik nicht teilhaben) - kommt eine dritte: jene durch ostasiatische Gesellschaften, die hohe technisch-organisatorische Kompetenz mit großer Lern- und Wandlungsfähigkeit verbinden. Es steht hier nicht unser langfristiger Wohlstand zur Diskussion (durch armutsbedingte ökologische Katastrophen und ähnliche Kalamitäten in armen Ländern), sondern unsere kurz- und mittelfristigen Wachstumschancen.

Es spricht sich nur langsam herum, daß europäische Industrieunternehmen heute nicht nur durch Konkurrenten in anderen Industrieländern, sondern auch durch Unternehmen in fortgeschrittenen Entwick- lungsländern herausgefordert werden. Vor 10, 15 Jahren sah man die letzteren als Billiglohnkonkurrenten, die Sozialdumping betrieben; und Niedriglöhne und katastrophale Arbeitsbedingungen sind fraglos bis heute ein Element industrieller Produktion in bestimmten Branchen und bestimmten Entwicklungsländern. Sie sind vor allem aber deshalb billiger, weil dort viele Unternehmen effizienter organisiert sind als ihre Konkurrenten in den alten Industrieländern. Überdies hat sich die Konkurrenzsituation - hierzulande weithin unbemerkt - fundamental geändert. Unternehmen aus einigen fortgeschrittenen Entwicklungsländern sind heute deshalb wettbewerbsstark, weil sie die Spielregeln des "neuen Wettbewerbs" schneller und besser begriffen haben als westliche Konkurrenten.

Kennzeichen des "alten Wettbewerbs" waren standardisierte Massenproduktion in Großunternehmen, tayloristische Organisationsmuster und marktmäßige Beziehungen mit Zulieferern und Kunden. Der "neue Wettbewerb" ist gekennzeichnet durch eine Differenzierung und immer weitergehende Fragmentierung der Nachfrage sowie durch immer kürzere Produktzyklen. Unternehmen reagieren auf diese Veränderungen mit der Einführung neuer technischer Hardware, insbesondere jedoch mit grundlegenden organisatorischen Veränderungen entlang der ganzen Wertschöpfungskette. Darüber hinaus halten sie engen Kontakt mit Zulieferern und Kunden, denn nur in einer Netzwerkstruktur laufen interaktive Lernprozesse hinreichend schnell ab. Deutsche Unternehmen sind in dieser Hinsicht oft nicht schlecht; aber es hat sich letzthin gezeigt, daß mitunter Firmen aus Ländern wie Taiwan besser sind.

Diese Herausforderung tritt in einer Situation auf, in der der Strukturanpassungsbedarf bei uns auf verschiedenen Ebenen hoch ist. In der deutschen Industrie liegt - als Ergebnis fehlender oder falscher Rationalisierungsstrategien - der Produktivitätsrückstand gegenüber den international führenden Konkurrenten in einigen Branchen (z.B. der Automobilindustrie) in der Größenordnung von 30%; in der Elektronikindustrie sind es sogar 42-51%. Dies Problem läßt sich nicht mit der Lohnpolitik lösen: Selbst eine Reallohnsenkung um 30% würde in Industrien, in denen der Anteil der Lohn- an den Gesamtkosten weit unter 15% liegt, keinen Unterschied machen. Zentraler Ansatzpunkt müssen daher Maßnahmen zur drastischen Steigerung der Produktivität sein. Dies bedeutet den Abschied von inkrementellen Veränderungen: Es geht nicht darum, die Rationalisierungsanstrengungen der letzten Dekade weiter zu verfolgen. Es geht vielmehr darum, die Organisations- und Rationalisierungskonzepte der Vergangenheit in Frage zu stellen - sie haben schließlich zu dem Produktivitätsproblem geführt.

Derzeit wird die internationale Hierarchie der Standorte neu definiert. Als Gewinner werden jene Länder dastehen, die sich an das neue Wettbewerbsmuster am besten anpassen können, die bei der Restrukturierung alter und beim Aufbau neuer Industriezweige die Nase vorn haben. Dieser Wettstreit manifestiert sich als neue Variante eines Konfliktes zwischen Ost und West - zwischen den atlantischen und den ostasiatischen Industrieländern nämlich, die sich dem neuen Wettbewerb mit sehr unterschiedlichen betrieblichen, vor allem aber gesellschaftlichen Organisationsmustern stellen.

Bestimmungsfaktoren internationaler Wettbewerbsfähigkeit

Der Wohlstand von Gesellschaften fußt auf der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, die in dieser Gesellschaft produzieren, und ihrer Fähigkeit, hohe Löhne zu zahlen. International am wettbewerbsfähigsten sind freilich nicht jene Volkswirtschaften, die die niedrigsten Löhne zahlen, sondern diejenigen, die die leistungsfähigsten institutionellen Arrangements haben. Wettbewerbsfähigkeit entsteht durch die Verknüpfung von und die Artikulation zwischen vier Ebenen; wir nennen dies "Systemische Wettbewerbsfähigkeit":

Die bislang starke wirtschaftliche Performance der Bundesrepublik fußte darauf, daß sie auf jeder dieser vier Ebenen spezifische Stärken aufwies; und die aktuelle Standortkrise beruht darauf, daß auf jeder Ebene Stärken in Frage gestellt und Schwächen offensichtlich werden:

Unser heutiger Wohlstand fußt nicht primär auf der Fähigkeit, schicke Autos und moderne Werkzeugmaschinen herzustellen, sondern insbesondere auf einem gesellschaftlichen Organisationsmuster, das leistungsfähiger war als das in vielen anderen Industrieländern (und erst recht in Entwicklungsländern). Dieses Muster ist jedoch verbraucht. Die Gefahr ist groß, daß die Suche nach einem neuen Muster zu einer allzu intensiven Beschäftigung der deutschen Gesellschaft mit sich selbst führt. Unsere Aufgabe besteht darin, mehrere miteinander kompatible Antworten auf alle drei Herausforderungen zu finden - die Herausforderung aus den erfolgreichen Entwicklungsländern, die ökologische Herausforderung bei uns und auch im Süden und die Herausforderung der Not in den weniger erfolgreichen Entwicklungsländern. Diese Antwort kann nicht heißen, Anpassung nach unten zu betreiben, Löhne und Arbeitszeiten in Deutschland an das Niveau der Schwellenländer anzupassen. Es muß vielmehr darum gehen, einen ökologisch orientierten Strukturwandel voranzutreiben; dies wäre die adäquate Antwort auf die Herausforderung durch neue Industrieländer, die sich hinsichtlich des Produkt- und Konsummusters an den alten Industrieländern orientieren. Ökologisch orientierter Strukturwandel würde die Lebensqualität bei uns steigern und gleichzeitig die Wettbewerbsposition unserer Industrie stärken; und er würde überdies Entwicklungsspielräume im Süden öffnen.

Literatur

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