Die nationale Basis internationaler Wettbewerbsfähigkeit

Dirk Messner / Jörg Meyer-Stamer

Veröffentlicht in Nord-Süd aktuell, Jg.7, 1993, Nr.1


1 Weltökonomie und das Ende des Nationalstaates?

Ökonomie kann am Anfang der 90er Jahre nur noch global, als Weltwirtschaft gedacht werden. Dennoch macht es - so unsere These - auch künftig Sinn, über politische Intervention auf der nationalen Ebene nachzudenken. Mehr noch: Ohne gezielte Politiken auf und unterhalb der nationalen Ebene entsteht kaum dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit.

Die Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg waren unbestreitbar durch jeweils spezifische Globalisierungsschübe charakterisiert: die 50er Jahre durch die rasche Ausdehnung des internationalen Handels, die 60er durch die Globalisierung von Unternehmensaktivitäten, die 70er Jahre durch die Internationalisierung der Kapitalmärkte, und die 80er Jahre durch die Ausbildung wirklich globaler Produktmärkte - in vielen Marktsegmenten führen Unternehmen heute ein einheitliches Produkt auf allen wichtigen Märkten gleichzeitig ein (und müssen dies tun, weil Produkte rasch veralten und nur durch globale Vermarktung die hohen und steigenden FuE-Investitionen amortisiert werden können).

Ende der 80er Jahre scheiterten überdies in den ehemals realsozialistischen Ländern, aber auch in Lateinamerika Ökonomien, die jenseits aller Unterschiede eine wesentliche Gemeinsamkeit aufweisen: in beiden Regionen wurde versucht, jenseits des Referenzrahmens Weltmarkt Prozesse aufholender Industrialisierung zu initiieren, als nationalkapitalistische Variante in Lateinamerika und als sozialistische Systemalternative in den ehemaligen Ostblock-Staaten.(Messner / Meyer-Stamer 1992) Wie nie zuvor ist seitdem der Weltmarkt Referenzrahmen für alle Ökonomien, die sich modernisieren und wirtschaftlich entwickeln wollen.

Das Kapital ist über politische, nationale Grenzen hinweg mobil geworden. Es sieht so aus, als hätten die Kosmopoliten Adam Smith wie Karl Marx gleichermaßen recht behalten mit ihrer Prognose, daß sich die Kapitalakkumulation letztlich von allen territorialen und nationalen Spezifika emanzipieren würde. Es ist unbestreitbar, daß Spielräume von Nationalstaaten zur politischen Regulierung ihrer Volkswirtschaften durch deren Einbettung in die Weltwirtschaft begrenzt werden. Umstritten ist hingegen, ob überhaupt noch Spielräume für aktive nationale Wirtschaftspolitiken bestehen und ob territoriale Grenzen (Nation, Region) noch eine Bedeutung für wirtschaftliche Entwicklung haben.

Den Handlungs- und Bedeutungsverlust von Nationalstaaten angesichts der globalen Mobilität von Kapital konstatieren, wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung und divergierenden Schlußfolgerungen, Rolf Knieper und Fritz W. Scharpf. Deren Sichtweisen wollen wir mit neueren Ansätzen zu Determinanten von internationaler Wettbewerbsfähigkeit kontrastieren, die in einem wichtigen Punkt konvergieren: sie betonen die Bedeutung von abgegrenzten Räumen und sozio-ökonomischen Spezifika für industrielle Entwicklung in der globalen Ökonomie.

Rolf Knieper: Die Entgrenzung von Ökonomie und Politik

Nach Knieper hat die Transnationalisierung von Ökonomie und Kommunikationsnetzen die substantielle Basis des Nationalstaates untergraben. Der einzige Produktionsfaktor, dem grenzenlose Mobilität noch verwehrt ist, sei die Arbeitskraft: "Ich meine also tatsächlich, ... daß erst jetzt das Kapital zu sich selbst kommt, gegenüber nationalen Besonderheiten ... gleichgültig und seiner inneren Logik entsprechend auf der weltweiten Suche nach Rentabilität."(Knieper 1993, S. 66) Dies heiße nicht, daß der Staat keinerlei wirtschaftspolitische Funktionen wahrnehmen müsse. Er hat die Aufgabe, für die "allgemeinen Produktionsbedingungen" zu sorgen, die für die Gesellschaft vorteilhaft sind, jedoch nicht genug Profit abwerfen, um von den Privatunternehmen hergestellt zu werden. Gemeint sind hier der Aufbau und die Sicherung einer adäquaten materiellen umd immateriellen Infrastruktur, auf die die Unternehmen angewiesen sind. Dennoch sei es Unsinn, von je unterschiedlichen nationalen Wirtschaftspolitiken zu sprechen, was nationale Souveränität vortäusche. In der globalen Ökonomie seien die allgemeinen Produktionsbedingungen "identitätslos"(Ebenda, S. 70) und Finanz-, Wirtschafts-, Sozial- und Infrastrukturpolitiken "hochuniformisiert und standardisiert".(Ebenda, S. 69) Knieper scheint von einer allgemeingültigen Blaupause für Wirtschaftspolitiken auszugehen, die auf die Herstellung allgemeiner Produktionsbedingungen abzielt, auf deren Basis dann "territoriale Grenzen ... für Investitionsentscheidungen eine bereits jetzt vergleichsweise minimale und rasant abnehmende Rolle (spielen)".

Friedrich List oder auch Senghaas, die beide darauf verweisen, daß "produktive Kräfte" (List) innerhalb von territorialstaatlich abgegrenzten Wirtschaftsräumen entwickelt werden, sind - so Knieper - angesichts der Mobilität von Unternehmen und Geldkapital anachronistisch. Spielräume und Handlungsdruck für politische Regulierung sieht Knieper mit Verweis auf Umweltprobleme, Schwindelfirmengründungen usw. nurmehr auf globaler Ebene.

Fritz W. Scharpf: Das Ende keynesianischer Wirtschaftspolitik und Konturen einer "sozialdemokratischen Angebotspolitik"

Scharpf (1987) zeigt, daß infolge des Zusammenbruchs des Bretton-Woods-Regimes der festen Wechselkurse Anfang der 70er Jahre und der Herausbildung integrierter internationaler Kapitalmärkte im Verlauf der 70er Jahre das keynesianische Konzept der antizyklischen Globalsteuerung scheitern mußte. Bis dahin war die nationale Geldpolitik in der Lage, die Höhe des für inländische Kapitalanleger wesentlichen Zinsniveaus autonom zu bestimmen. Zugleich konnte über die staatliche Fiskalpolitik die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in gewissen Grenzen variiert werden. Beides zusammen erlaubte den nationalen Regierungen eine doch beachtliche Einflußnahme auf das gesamtwirtschaftliche Niveau von Investitionen und Nachfrage.

Mit der Internationalisierung der Kapitalmärkte werden die Zinsen nun für die nationalen Politikakteure extern vorgegeben. Damit geht die "nationale Zinssouveränität", der entscheidende Hebel für die keynesianische Konjuktursteuerung, verloren. Mit privaten Investitionen ist seitdem nur noch zu rechnen, wenn die zu erwartende Rendite das Realzinsniveau auf den internationalen Kapitalmärkten übersteigt. Auch staatlicher Fiskalpolitik sind im Rahmen globalen Wettbewerbs enge Grenzen gesetzt. Die Finanzierung der Fiskalpolitik über Staatsverschuldung, mit der Folge steigender Zinsen (sprich Investitionskosten) oder höherer Steuerbelastungen auch für die Unternehmen, erhöhen die Kostenbelastung der Betriebe und verschlechtert damit ihre Position im internationalen Wettbewerb.

Wenn Profit und Zins in der globalen Ökonomie "extern" vorgegeben sind, dann bleiben als abhängige Variablen im Akkumulationsprozeß, auf die die nationale Wirtschaftspolitik direkt Einfluß nehmen können, die Löhne und die Arbeitskosten. Eine die Belastbarkeit der Unternehmen strapazierende staatliche oder gewerkschaftliche Politik würde die Investitionsdynamik dämpfen, ein dauerhafter Aufschwung sei nur um den Preis der Umverteilung zugunsten der Kapitaleinkommen zu haben. In diesem Punkt gibt Sharpf den konservativen "supply-side economists" recht. Er gibt der Sozialdemokratie in seiner Studie von 1987 den Rat, diese Zusammenhänge zu akzeptieren und im Rahmen einer "sozialdemokratischen Angebotspolitik" dafür zu sorgen, daß zumindest die entstehenden Kosten gerecht und sozialverträglich unter den Arbeitnehmern ("Sozialismus innerhalb einer Klasse"(Scharpf 1987, S. 329)) aufgeteilt würden. Wichtig ist, daß bei Scharpf die überbordenden Kosten infolge staatlicher Regulierung und hohe Lohnkosten zur entscheidenden Erklärungsvariable für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen werden. Seine "Angebotspolitik" bleibt passiv, auf soziale Schandensbegrenzung ausgerichtet. Im Zentrum stehen die Modalitäten zur möglichst gerechten Verteilung von Kosten unter den Arbeitnehmern, zur Entlastung der Unternehmensseite. Flankiert werden könne dies durch die Unterstützung produktivitätssteigernder Maßnahmen auf der Mikroebene der Unternehmen durch die Gewerkschaften und Betriebsräte, um so die Basis für hohe Löhne zu verteidigen.

Zurecht warnt er davor, daß der durch die ökonomischen Sachzwände entstehende "Wettbewerb zwischen den Produktionsstandorten und damit der Wettbewerb der nationalen Regulierungssysteme"(Scharpf 1992, S. 363) leicht einen ruinösen Wettbewerb und eine Deregulierungswettlauf mit desatrösen ökologischen und sozialen Folgen auslösen könnten. Um dies zu verhindern, empfiehlt er, anzuerkennen, daß die Kosten für sozial und ökologisch notwendige Regulierungen nicht den Unternehmen aufgebürdet werden dürfen, sondern von den Arbeitnehmern zu tragen sind.

Die neoliberale Dominanz der 80er Jahre - ein Übergangspänomen?

Folgt man den Argumentationen von Knieper und der Demonstration der Untauglichkeit bis dahin üblicher (keynesianischer) Regulierungsmuster durch Scharpf, dann verwundert es nicht, daß die 80er Jahre international durch die Dominanz neoliberaler Politik und Theoriebildung gekennzeichnet waren. Die politische Gestaltungsabstinenz des Neoliberalismus schien die einzig adäquate Antwort auf die Globalisierung der Ökonomie zu sein, der Nationalstaat endgültig als ein aktiv auf die Wirtschaft einflußnehmender Akteur abgedankt zu haben. Bestenfalls gehe es noch darum - folgt man Scharpf - die liberale Angebotspolitik sozial zu gestalten.

Umso erstaunlicher ist es, daß aus den Restrukturierungsprozessen in der Weltwirtschaft in den 80er Jahren nicht etwa diejenigen Ökonomien am erfolgreichsten hervorgingen, in denen im Namen neoliberaler Angebotspolitik Deregulierung, Lohnabsenkungen und massive Steuererleichterungen für die Unternehmen am erfolgreichsten und weitreichendsten umgesetzt wurden (z.B. in den USA und GB), sondern eher die, in denen hohe Löhne gezahlt werden und in denen der Staat im Verbund mit anderen Akteuren für eine qualitativ hochwertige materielle und immaterielle Infrastruktur sorgt (aktive Steuerung der Angebotsseite), wodurch finanzielle Spielräume für gesellschaftliche Reformprojekte entstanden. Die Gestaltungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten auf der Angebotsseite der Unternehmen und deren Bedeutung für die internationale Wettbewerbsfähigkeit scheinen größer zu sein, als Knieper ("uniformierte und standardisierte allgemeine Produktionsbedingungen") und Scharpf vermuten.

Wir wollen anhand der neueren Theorien zur Wettbewerbsfähigkeit, zeigen, daß

Unter Berücksichtigung dieser Sachverhalte ist festzustellen, daß nicht nur der Produktionsfaktor Arbeitskraft relativ immobil ist, sondern darüberhinaus eine Vielzahl von Elementen, die die angesprochenen komplexen Umfeldfaktoren und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen ausmachen: leistungsfähige, spezialisierte Forschungslandschaften, moderne Bildungssysteme, stabile politische Rahmenbedingungen, Kooperation begünstigende gemeinsame Wertesysteme und vieles mehr. Diese Determinaten der Wettbewerbsfähigkeit entstehen nicht abstrakt in den globalen Funktionsräumen der Weltwirtschaft, sie sind territorial gebunden.

Es zeigt sich, daß aktive, auf die gezielte Gestaltung von Wirtschaftsstandorten ausgerichtete Angebotspolitiken einen wesentlichen Einfluß auf die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen in einer Region haben. Die Angebotsseite der Unternehmen, in Zeiten der Auseinandersetzungen zwischen Keynesianismus und Neoliberalimus eine eindeutige Domäne der letzteren und assoziiert mit Begriffen wie "Deregulierung" und "Abbau von Staatstätigkeiten", scheint in der gegenwärtigen Phase radikalen technisch-organisatorischen Wandels zu einem wichtigen Regulierungsfeld zu werden, in dem der Staat im Verbund mit Unternehmen und intermediären Akteuren agiert. Über diesen Umweg kehren eine aktive Wirtschaftspolitik - jenseits von nachfrageorientiertem Keynesianismus, Neoliberalismus und "sozialdemokratischer Angebotspolitik" - und territorial begrenzte Räume, in denen die Angebotsbedingungen von Unternehmen gestaltet werden, in die globalisierte Ökonomie zurück. Nach den realpolitischen Experimenten neoliberaler Wirtschaftspolitiker in den 80er Jahren und ihren dürftigen Ergebnissen (man denke nur an die USA oder Großbritannien) darf als gesichert angenommen werden, daß ausdifferenzierte Marktgesellschaften sich nicht auf die schlichte Logik der Marktallokation reduzieren lassen. Vieles spricht für Karl Polanyi, der schon in den 50er Jahren die unfruchtbare Dichotomie zwischen Markt und staatlicher Regulierung bespöttelte und seine Sicht der Dinge auf den folgenden Nenner brachte: "Laisser - faire is planned."

Die folgende Darstellung von wichtigen Beiträgen zur Wettbewerbsfähigkeit erfolgt ausschließlich unter dem Gesichtspunkt, die Bedeutung von Wirtschaftsräumen für den Aufbau von Wettbewerbsfähigkeit sowie Spielräume für aktive Wirtschaftspolitiken auszuleuchten. Unterschiedliche Gewichtungen von Wettbewerbsdeterminanten werden gegenüber den für unsere Fragestellung entscheidenden Gemeinsamkeiten vernachlässigt.

2 Michael E. Porter - The Competitive Advantage of Nations

Was ist und wo entsteht Wettbewerbsfähigkeit?

Porters erst 1990 veröffentlichte Studie "The Competitive Advantage of Nations" gehört bereits zu den "Klassikern" der neuen Theorien zur Wettbewerbsfähigkeit. Porter zeigt, daß die traditionellen Handelstheorien und Ansätze zur Analyse der Determinanten von Wettbewerbsfähigkeit ausschließlich auf Faktorkosten und Preisvorteile abstellen, ohne den Prozeß der Herausbildung von Wettbewerbsvorteilen zu analysieren. Der einzig vernünftige Indikator für Wettbewerbsfähigkeit ist bei Porter die Produktivität. Die oft als Hinweis für steigende Wettbewerbsfähigkeit zitierte überschüssige Handelsbilanz kann durch Abwertung, sinkende Löhne und Rohstoffexporte um jeden Preis erreicht werden, ohne - und dies ist die eigentliche Herausforderung - die produktive Basis des jeweiligen Landes nachhaltig zu verbessern. Die zentrale Frage ist somit, wie Produktivität entsteht und optimiert werden kann sowie was deren zentrale Determinanten sind.

Produktivität wird in den Unternehmen hergestellt, weshalb diese im Zentrum der Analyse stehen müssen. Zugleich stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen Unternehmen Produktivität steigern und in immer komplexere Industrien hineinwachsen können. Also geht es neben den Unternehmen zugleich um das Unternehmensumfeld. Mit dem Verweis auf das Unternehmensumfeld zielt Porter nicht darauf ab, die Frage nach den Bedingungen für die permanente Steigerung der Produktivität auf der Aggregationsebene der Volkswirtschaft zu beantworten. Die Leistungsfähigkeit von Unternehmen und deren Entfaltungspotential entsteht vielmehr auf der Ebene von clusters, bestehend aus komplexen Unternehmensnetzwerken und ihrem institutionellen Umfeld, die sich in "specific industries und industry segments" (S. 9) herausbilden. Keine Volkswirtschaft kann in allen Sektoren international wettbewerbsfähig agieren. Über je mehr wettbewerbsfähige clusters eine Ökonomie verfügt und je intensiver die Interaktion zwischen diesen ausgeprägt ist, desto dynamischere Entwicklungen sind zu erwarten.

Wichtiger als die ursprüngliche Faktorausstattung einer Ökonomie, die von den traditionellen (Handels-)Theorien überbetont wurde, wird die Fähigkeit der Unternehmen eines Landes zu technologischer Innovation, schneller Produktdifferenzierung und Qualitätsproduktion (S. 20). Dieser Prozeß ist von der Entwicklungsdynamik in den clusters abhängig. Auffällig ist, daß trotz zunehmender Globalisierung und Mobilität von Kapital eine Konzentration dynamischer Industriesektoren in wenigen Ländern beobachtet werden kann. Es scheint also so etwas wie "The Competitive Advantage of Nations" zu geben. Die globale Ökonomie löst sich also nach Porter nicht in international vagabundierende Multis auf. Wettbewerbsfähigkeit bleibt angesichts ihres systemischen Charakters an Standorte gebunden. Während traditionelle Ökonomen zur Erklärung von Wettbewerbsfähigkeit konkurrierende Einzelunternehmen beobachten, treten unter den Bedingungen von Globalisierung und neuen Produktionskonzepte Unternehmensnetzwerke (cluster) und Industriestandorte miteinander in Wettbewerb.

Phasen auf dem Weg zur Wettbewerbsfähigkeit - Ein heuristisches Modell

Porter unterscheidet drei Entwicklungssequenzen und betont die langfristigen Zeitdimensionen, in denen sukzessive leistungsfähige Ökonomien entstehen. Die Wettbewerbsfähigkeit kann auf "basic factors", "advanced factors" sowie "specialized factors" basieren.

Basic factors sind z.B. natürliche Ressourcen, Land, un- und halbqualifizierte Arbeitskräfte. Die meisten Entwicklungsländer befinden sich in einer factor driven- Entwicklungssequenz, in der die Wettbewerbsfähigkeit auf der Ausnutzung dieser natürlichen Wettbewerbsvorteile basiert. In dieser Phase sind keine hohen Investitionen im Unternehmensumfeld erforderlich: "Basic factors are passively inherited, or their creation requieres relatively modest or unsophisticated private and social investment."(S. 77) Die Wettbewerbsfähigkeit baut in dieser Sequenz wesentlich auf der Leistungsfähigkeit individuell agierender Unternehmen auf. In diesen wenig komplexen Sektoren und unterentwickelten Ökonomien gilt am ehesten die Annahme Kniepers von den "identitätslosen allgemeinen Produktionsbedingungen". Auch die Befürchtungen Scharpfs, daß im Wettbewerb der Standorte in der globalen Ökonomie leicht desaströse Deregulierungswettläufe und Sozial- sowie Lohndumping ausgelöst werden können, hat hier ihre Berechtigung. Standorte, die sich in der factor driven-Sequenz befinden, haben wenig mehr in die Waagschale zu werfen als Niedriglöhne und günstige Rohstoffe.

Unter advanced factors versteht Porter die grundlegende materielle und immaterielle Infrastruktur, wie Transport- und Verkehrssysteme, ein funktionstüchtiges Bildungssystem, Kommunikationsstrukturen, das Entstehen von FuE - Einrichtungen, Ingenieursschulen. Im Übergang von der ersten Entwicklungsphase in diese investment driven-Sequenz sind hohe staatliche Investitionen im Unternehmensumfeld notwendig. Der Steuerungsfähigkeit des Staates kommt in dieser Phase eine wichtige Bedeutung zu. Oft bauen die advanced factors auf den basic factors auf, z.B., wenn beim Übergang von einfachem Rohstoffexport zur Rohstoffweiterverarbeitung entsprechende infrastrukturelle Investitionen in Ausbildungszentren oder verbesserte Transportsysteme notwendig werden. In dieser Entwicklungssequenz werden die Grundlagen für dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit gelegt. Es entsteht eine moderne Infrastruktur, auf Unternehmensebene entwickelt sich sukzessive die Fähigkeit, Technologien auszuwählen, anzupassen, selbst inkrementell weiterzuentwickeln, und zunehmende zwischenbetriebliche Vernetzungen führen zur Herausbildung von cluster-Strukturen. Im Gegensatz zur ersten Entwicklungssequenz sind die Unternehmen nun aufgrund ihrer Einbindung in ein spezifisches institutionelles setting und entstehende zwischenbetriebliche Formen der Arbeitsteilung bereits stärker an "ihren" Standort gebunden. Die Mobilität der Unternehmen bleibt jedoch hoch, weil ähnlich günstige Produktionsbedingungen zumindest in einer Reihe anderer Länder ebenfalls anzutreffen sind.

Die dritte innovation driven-Sequenz ist durch die Herausbildung von specialized factors gekennzeichnet. In dieser Phase, in der sich die OECD-Länder befinden, entstehen strukturelle, systemisch bedingte Wettbewerbsvorteile, die schwierig von den Konkurrenten zu kopieren sind. Bloße Verfügbarkeit von Arbeitskräften mit Ober- oder Hochschulbildung implizieren in diesen Wettbewerbssegmenten noch keine Wettbewerbsvorteile gegenüber den unmittelbaren Konkurrenten. Hochspezialisierte Faktoren, zugeschnitten auf die besonderen Erfordernisse eines clusters, wie z.B. ein auf Feinoptik spezialisiertes Forschungs- und Ausbildungsinstitut oder Risikokapitalfonds zur Finanzierung von Softwareunternehmen bestimmen hier die Wettbewerbsposition. Diese systemischen Produktionsfaktoren sind nicht einfach auf den globalen Märkten zu kaufen; sie sind in Personen, engen institutionellen und zwischenbetrieblichen Kooperations- und Kommunikationsbeziehungen inkorporiert. Spezifische, territorial gebundene, immobile Standortfaktoren werden also gerade in den fortgeschrittensten Ökonomien zu Wettbewerbsvorteilen - entgegen den Vorstellungen Kniepers von der zunehmenden Gleichförmigkeit der Produktionsbedingungen.

Specialized factors werden nach Porter im wesentlichen von Unternehmen, die sich in clusters integrieren, geschaffen (clusterspezifische Wettbewerbsvorteile). Sie verändern die Wettbewerbspostion auf dem Weltmarkt gegenüber den beiden ersten Phasen erheblich. Während basic und advanced factors in vielen Ländern anzutreffen sind und hier ein scharfer Preiswettbewerb geführt wird, sind die Wettbewerbsvorteile der dritten Entwicklungssequenz wesentlich auf nicht- preisliche, systemische und standortgebundene Faktoren zurückzuführen. Qualitätsproduktion, permanente und schnelle Produkt- und Prozeßinnovationen, einzigartige FuE-Kapazitäten, schnell abrufbares Detailwissen und spezisches Know-how, das im FuE-Bereich embodied ist, und die Fähigkeit zum raschen pooling of information innerhalb eines clusters entstehen durch leistungsfähige Unternehmen, die ihre Innovationskraft zugleich auf dem kontinuierlichen Austausch mit anderen Unternehmen und Institutionen gründen. Das cluster wird zur Basis der Herstellung systemischer Wettbewerbsfähigkeit: "..., national advantages arises when the system is unique. The entire system is difficult and time-consuming to duplicate."(S. 147)

Porter betont, daß es keinen Königsweg - im Sinne einer Blaupause - zum ökonomischen Erfolg gibt. Er identifiziert unterschiedliche nationale Entwicklungsstile, die abhängig seien von historisch gewachsenen sozialen Beziehungen, Institutionen und politischen Regulierungsmustern (S. 81). So verortetet er den Prozeß des factor creating und der Entstehung von clusters in Japan eher im privaten, in Schweden demgegenüber im öffentlichen Sektor. In Italien wiederum dominierten - auch bei der Herausbildung von dynamischen clusters - informelle Informationskanäle und Familienbeziehungen.

Cluster - Building

Deutlich wird, daß "few factors of production are truly inherited by a nation. Most must be developed over time through investment ..."(S. 77). Factor creation ist daher der Schlüssel zum Erfolg. Die Kernidee Porters besteht darin, daß Wettbewerbsfähigkeit zwar in den Unternehmen produziert wird, jedoch nicht einfach auf die Positionierung von effizienten Einzelunternehmen in der Weltwirtschaft reduziert werden kann. Die Determinanten von Wettbewerbsfähigkeit bilden ein komplexes System, das Porter in einem diamond abbildet.

Fluchtpunkt des diamond ist der Prozeß des factor creating, der die Produktivitätsentwicklung und damit die Wettbewerbsfähigkeit bestimmt. Factor creation wird wesentlich durch vier Determinanten sowie deren Interaktion vorangetrieben:

Indem er das Zusammenspiel dieser interdependenten Ebenen skizziert, verdeutlicht Porter, daß Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen Ergebnis einer komplexen Interaktion ist und in diesem Sinne "systemischen Charakter" hat. Zwei Elemente sind nach Porter besonders wichtig für die Dynamik innerhalb des Systems: zum einen der Wettbewerb zwischen den Unternehmen (domestic rivalry) und zum anderen die regionale Konzentration von Industrien (geographic industry concentration). Der systemische Charakter von Wettbewerbsfähigkeit ist dafür verantwortlich, daß wettbewerbsfähige Unternehmen

Ein cluster wettbewerbsfähiger Unternehmen ist mehr als die Summe seiner Teile (S. 151). Die Unternehmen investieren in zwar sehr spezielle, jedoch zugleich benachbarte Technologien, Informationen werden ausgetauscht, eine gemeinsame Infrastruktur entsteht, individuelle oder auch gemeinsame Anstrengungen im Bereich der Aus- und Weiterbildung von Arbeitskräften vergrößern den human resource pool, die regionale Konzentration führt zu Imitation erfolgversprechender Elemente von Unternehmensstrategien benachbarter Betriebe. Unternehmerorganisationen, Industrie- und Handelskammern, Kontakte von Unternehmen(sgruppen) zu Universitäten und Forschungseinrichtung lassen institutionelle Strukturen auf der cluster-Ebene entstehen, wodurch Synergieeffekte erzeugt werden. "Once a cluster forms, the whole group of industries becomes mutually supporting. Benefits flow forward, backward, and horizontally." (S. 151) Die cluster- Bildung basiert also auf intensiven zwischenbetrieblichen Vernetzungen und daraus resultierenden kumulativen Lerneffekten sowie der permanenten Optimierung der gemeinsamen external economies.

Globalisierung, "Home Nation" und die regionale Dimension der Entstehung und Entwicklung von clusters

Porter betont, daß empirisch zu beobachten ist, daß der Prozeß des clustering am dynamischsten in regional begrenzten Räumen verläuft, "because the influence of the individuel determinants in the diamond and their mutual reinforcement are heightened by close geographic proximity within the nation"(S. 157). Proximity der an dem cluster beteiligten Akteure ist eine wesentliche Produktivkraft, während noch in den 70er und 80er Jahren im Rahmen der Diskussion um die "Neue internationale Arbeitsteilung" (Fröbel et. al. 1977/ 1986) die Vorstellung dominierte, daß der Industriestandort (und damit proximity) als wichtiger Wettbewerbsfaktor durch primär an Lohnkostenvorteilen orientierte Investitionsentscheidungen Multinationaler Unternehmen an Bedeutung verlieren würde (worldwide sourcing) - einer Vorstellung, der auch die globalistische Argumentation Kniepers nahe kommt.

Bei der Stärkung der clusters kommt den lokalen und regionalen governments eine entscheidende Bedeutung zu. Mit Verweis auf Baden-Württemberg und Norditalien stellt Porter fest, daß in Bereichen wie der Universitätsausbildung, der industriellen Infrastruktur, lokalen und regionalen Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen und Informationskanälen die lokalen und regionalen "Regierungen" gegenüber dem Zentralstaat stark an Bedeutung gewonnen hätten (S. 622). Hier werden standortnahe Entscheidungen getroffen und Strukturpolitiken implementiert.

Die in der Debatte über die Globalisierung der Ökonomie oft betonte Mobilität aller Produktionsfaktoren (außer der Arbeitskraft); die sich daraus ergebende Unabhängigkeit der Unternehmen von teritorialen Bedingungen; die Handlungsunfähigkeit des Staates, dem scheinbar nur noch die Chance bleibt, über Deregulierung und niedrige Löhne den nationalen Standort attraktiv zu machen - all dies erscheint vor dem Hintergrund der Argumentation Porters in einem anderen Licht.

Porter zeigt, daß der nationale Industriestandort (home nation) eher an Bedeutung gewonnen denn verloren hat und der Aufbau von Wettbewerbsfähigkeit wegen seines systemischen Charakters ein highly localized process ist:

"The role of the home nation seems to be as strong or stronger than ever. While globalization of competition might appear to make the nation less important, instead it seems to make it more so. ... The home nation takes on growing significance because it is the source of the skill and technology that underpin competitive advantages (S. 19). ... While classical factors of production are more and more accessible because of globalization (z.B. niedrige Löhne, billige Rohstoffe, D.M.), competitive advantage in advanced industries is increasingly determined by differential knowledge, skills, and rates of innovation which are embodied in skilled people and organizational routines (S. 158)."

Die Wettbewerbsfähigkeit einer Ökonomie ist somit letzlich Funktion der Mobilisierungsfähigkeit, des Kreativitätspotentials und des verfügbaren und umsetzbaren Know-hows einer Gesellschaft - also eine gesellschaftliche und nicht nur ökonomische Herausforderung. Nationen sind daher auf der einen Seite nicht völlig hilflos der globalisierten Ökonomie und international vagabundierendem Kapital ausgeliefert. Sie können und müssen ihren nationalen Standort gestalten und optimieren, wobei eben qualifizierte Arbeitskräfte, gut ausgebaute Forschungslandschaften und politische Stabilität wesentlicher sind als Niedriglöhne oder gewerkschaftsfreie Zonen. Auf der anderen Seite relativieren sich traditionelle komparative Kostenvorteile von Entwicklungsländern, wie Niedriglöhne oder eine günstige Ressourcenausstattung, was soft option - Strategien erschwert. Wesentliche Wettbewerbsdeterminanten sind territorial gebunden, Wettbewerbsfähigkeit ist "man made", in Grenzen gestalt- und steuerbar, abhängig von leistungsfähigen nationalen Akteuren - die Meßlatte liegt jedoch hoch.

3 Industrial Districts

In der Industrieökonomie haben in den 80er Jahren Arbeiten zum Erfolg von industrial districts an Bedeutung gewonnen.(Piore / Sabel 1984, Pyke / Sengenberger 1992, Nadvi 1992) Vor allem Wachstums- und Exporterfolge von Klein- und Mittelindustrieunternehmen (KMI) in einigen Regionen Norditaliens ("The Third Italy"), aber auch Dänemarks oder Baden-Württembergs weckten das Interesse an dynamischen industriellen Ballungsräumen.

Ähnlich wie in den Arbeiten Porters spielen enge Interaktionsbeziehungen zwischen den Unternehmen und ihrem Umfeld (networks, cluster) und sich daraus ableitend die regionale Dimension industrieller Entwicklung eine entscheidende Rolle. Wesentlich stärker als bei Porter wird die Bedeutung nicht- ökonomischer Faktoren für den wirtschaftlichen Erfolg ("culture", "social structure", "community") betont.

Becattini(Becattini 1990, S. 36) definiert einen industrial district als "a socio-territorial entity which is characterised by the active presence of both a community of people and a population of firms in one naturally and historically bounded area. In the district, unlike in other environments, such as manufacturing towns, community and firms tends to merge." Brusco argumentiert ähnlich: Die industrial districts sind "a set of companies located in a relatively small geographical area; and the said companies work, either directly or indirectly, for the same end market; that they share a series of values and knowledge so important that they define a cultural environment; and that they are linked to one another by very specific relations in a complex mix of competition and cooperation".(Brusco 1990, S. 1)

Wesentliche Grundvoraussetzungen für die Entstehung dynamischer districts sind: unternehmerische Initiative, (soziale, organisatorische) Flexibilität und Kreativität der wesentlichen Akteure, Innovationsfähigkeit der Unternehmen, sozialer Konsens und ein "pool" gut ausgebildeter Arbeitskräfte.(Pyke et.al. 1990, S. 5/6)

Die empirischen Arbeiten zeigen, daß die Unternehmen in den industrial districts

Die Leistungsfähigkeit der Einzelunternehmen wird verstärkt durch economies of agglomeration. Dies besagt im Kern, daß Unternehmen, die in einem gut entwickelten Standort, mit entsprechender Infrastruktur, einem guten Arbeitskräftepotential, leistungsfähigen Zulieferern und einem guten Informationsangebot produzieren, also external economies fruchtbar machen können, niedrigere Produktionskosten haben werden, als die gleichen Unternehmen außerhalb der "industrial sites". Grabher (1988) leitet aus der wachsenden Bedeutung dieser "raumstrukturellen Faktoren" für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen die Dynamik in den regional industrial districts ab.

In der globalen Ökonomie können insbesondere kleinere Unternehmen als individuelle Akteure nicht überleben. Die Organisationsform der districts jedoch bietet, wie die Empirie zeigt, selbst für kleinere Unternehmen die Chance, wenngleich freilich nicht die Gewähr, in geographisch konzentrierten Produktionsverbänden zu bestehen. Poon(Poon 1990, S. 118) faßt diesen Sachverhalt treffend zusammen: "It seems as though the real question is not one of small size but of `loneliness`. Herein lies the importance of networks, organizations and institutions ... There will be no place for the small, stand-alone participants, but the world can become the oyster of small, innovative, flexible and `networked` enterprises."

Auch diese Argumentation steht in krassem Widerspruch zu den Thesen Kniepers. Es scheint, als wenn gerade die Globalisierung der Ökonomie zur Aufwertung der Bedeutung lokaler und regionaler Standortbedingungen führt.

Die sozialkulturelle Dimension der industrial districts

Die industrial district-Theoretiker betonen insbesondere die Bedeutung sozio-kultureller, nicht- ökonomischer Faktoren für die Dynamik in den "local sites" (dies unterscheidet sie von den bisherigen Agglomerationstheorien von Marshall 1986 über Perroux 1955, Chinitz 1961 oder Scitovsky 1963). Becattini( Becattini 1989, S. 132) schreibt:

"What holds together the firms which make up the ... industrial district ... is a complex and tangled web of external economies and diseconomies, of joint and associated costs, of historical and cultural vestiges, which envelopes both inter-firm and interpersonal relationships ... a localized 'thickening' ... which is reasonably stable over time."

Neben einem gemeinsamen Wertesystem bedarf es nach Becattini eines "system of institutions and rules ... The market, the family, the church and the school are some of these institutions; but they also include local authorities, the local structure of political parties and of unions, and many other public and private, economic and political, .... bodies."(Becattini 1990, S. 39) Eine Reihe von Autoren verweist darauf, daß in einigen norditalienischen districts die Kommunistischen Partei, in der Regel in enge Kooperation mit den Gewerkschaften und lokalen Unternehmern, über eine längere Zeit eine bedeutende Rolle gespielt hätten beim Aufbau leistungsfähiger materieller und immaterieller Infrastruktur sowie der Herstellung von politischer Stabilität und sozialem Konsens. In anderen districts sei das Bündnis von Christdemokraten, unterstützt von lokalen Unternehmerorganisationen Grundlage der infrastrukturellen und politisch-sozialen Modernisierung der Region gewesen.(Brutti / Calistri 1990, Brusco Pezzini 1990) In nahezu allen Studien wird auf die Steuerungsleistungen der regionalen oder lokalen "communities" (local governments) hingewiesen. Es sind also regionale Spezifika, sozio-ökonomische Räume, die Wettbewerbsfähigkeit produzieren und das Überleben im globalen Kapitalismus ermöglichen.

Für die industrial district-Theoretiker ist der Schlüssel zur Renaissance der Regionen die zunehmende Bedeutung der "Dichte" von Interaktionen zwischen Unternehmen sowie Unternehmen und Institutionen. In den clusters konkurrieren die Unternehmen miteinander, aber sie kooperieren zugleich, z.B. als Zulieferer, in trade associations, in Unternehmerorganisation, als Gründer von Ausbildungsinstitutionen. Diese "New Competition"(Best 1990) in networks erfordert "partnership, loyality, morality and mutual trust",(Granovetter 1985) also Interaktionsmuster, die durch "geographical proximity"(Vgl Harrison 1992, S. 477) begünstigt werden.

Dieser "kulturelle Überbau" erzeugt soziale Kohäsion und ein sozio-ökonomisches Milieu, die eine produktive Mischung aus Kooperation und Wettbewerb, Markt und Regulierung zulassen, die nicht nur kurzfristiger Profitlogik, sondern langfristigen Interessen der Region gehorchen können. Die Hervorhebung der Bedeutung soziokultureller, nichtökonomischer Faktoren und des "local space"(Murray 1991) für die Entwicklung von Wettbewerbsfähigkeit kontrastiert scharf mit der dominierenden These, daß im Zuge der Durchsetzung der industriellen Produktionsweise das ökonomische Verhalten der Akteure mehr und mehr unabhängig wird von nationalen, regionalen, lokalen, also kulturellen Spezifika.(Vgl dazu auch Mahnkopf 1993) Seit Adam Smith argumentieren die Ökonomen, daß im Kapitalismus die Effizienz von Produktion und Distribution auf das ökonomisch rationale Verhalten von Individuen zurückzuführen ist.(Harrison 1992, S. 476) Der egoistische homo oeconomicus und die Entfaltung des Kapitalismus folgen einer universellen Logik, die Traditionen und vorkapitalistische Verhaltensweisen unter sich begräbt: Nur die "pure market competition" garantiert eine dynamische industrielle Entwicklung, so das Argument der Liberalen. Im Zeitalter der globalen Ökonomie emanzipiert sich das Kapital endgültig von nationalen oder gar regionalen Spezifika, argumentiert Knieper.

Den Liberalen und Knieper kann mit dem empirischen Material der district-Theoretiker entgegengehalten werden, daß es auf der Grundlage der spezischen sozio-ökonomschen Situation in einem "local space" unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Regulierung und damit Wege zur Wettbewerbsfähigkeit geben kann.

4 Nationale Innovationssysteme und Technologiepolitik für systemische Wettbewerbsfähigkeit

Industrielle Wettbewerbsfähigkeit entsteht erstens nicht spontan und zweitens nicht allein durch entrepreneurship auf der Mikroebene, sondern ist das Ergebnis komplexer und dynamischer Interaktion. Die OECD kennzeichnet die so entstandene Wettbewerbsfähigkeit mit dem Attribut strukturell.(OECD/TEP 1992, S.243) Wir ziehen den Begriff systemische Wettbewerbsfähigkeit vor, um die Aspekte der Interaktion, der Dynamik und der Prozeßhaftigkeit zu betonen.

Mit der Untersuchung nationaler Innovationssysteme ist zuletzt der Versuch gemacht worden, den strukturellen Grundlagen von Wettbewerbsfähigkeit auf die Spur zu kommen; es ist der Versuch, die drei Ebenen Unternehmen, Netzwerk und Staat aufeinander zu beziehen und - nach der Devise: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile - den Wechselbeziehungen nachzuspüren, die dafür verantwortlich sind, daß bestimmte Volkswirtschaften (d.h. territorial begrenzte Wirtschaftsräume) deutlich erfolgreicher (hier: innovativer und produktiver und daher wettbewerbsfähiger) sind als andere.(Freeman 1992 und Lundvall 1992)

Der Begriff Nationales Innovationssystem wurde zuerst von Freeman in die Diskussion gebracht. Er definiert ihn wie folgt:

"The network of institutions in the public and private sectors whose activities and interactions initiate, import, modify and diffuse new technologies may be described as 'the national system of innovation' (...) The rate of technical change in any country and the effectiveness of companies in world competition in international trade in goods and services, does not depend simply on the scale of their Research and Development and other technical activities. It depends upon the way in which the available resources are managed and organised, both at the enterprise and at the national level. The national level of innovation may enable a country with rather limited resources, nevertheless, to make a very rapid progress through appropriate combinations of imported technology and local adaptation and development. On the other hand, weaknesses in the national system of innovation may lead to more abundant resources being squandered by the pursuit of inappropriate objectives or the use of ineffective methods."(Freeman 1987, S.1 u. 3)

Diese Betrachtungsweise weist mithin über die beiden zuvor vorgestellten hinaus. Bei Porter sind die Hauptakteure die Unternehmen; dem Staat kommt eher eine flankierende Rolle zu. In der industrial district-Diskussion spielen staatliche Institutionen und andere gesellschaftliche Akteure zwar eine Rolle, jedoch nur auf der lokalen Ebene - der Zusammenhang zwischen regionaler und nationaler Handlungsebene wird ausgeblendet. In der Diskussion um nationale Innovationssysteme hingegen ist die Gesellschaft insgesamt - in ihrer Funktion als Stimulator oder Verhinderer von Innovationsprozessen in Unternehmen - die Analyseebene.

Ein leistungsfähiges Innovationssystem ist dadurch geprägt, daß über die Ebene einzelner, lokal begrenzter clusters hinaus ausgeprägte technologische Externalitäten entstehen. Diese Externalitäten entstehen zwischen Unternehmen, und zwar gewollt (zwischen Zulieferer und Abnehmer oder in einer Allianz) oder ungewollt (durch personelle Fluktuation, informellen Informationsaustausch u.a.m.); sie entstehen darüber hinaus zwischen Unternehmen und Forschungs-, Technologie- und Ausbildungsinstitutionen. Sie sind das Musterbeispiel für positive externe Effekte, bei denen der Gewinn für die Gesamtheit der Unternehmen größer ist als der Verlust für das einzelne Unternehmen; in den meisten Fällen wird sogar für das einzelne Unternehmen der Nutzen aus Informationen, die aus anderen Quellen stammen, größer sein als der Schaden, der durch Informations-"Lecks" entsteht. Der Nachteil, daß sich ein einzelnes Unternehmen den Ertrag seiner Innovationen nicht mehr exklusiv aneignen kann, wird durch die gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit des networks mehr als kompensiert; ein Netzwerk erlaubt

"a collective rather than an individual form of rent appropriation and requires social and cultural preconditions which some nations possess more widely than others."(OECD/TEP 1992, S.84)

Die Existenz ausgeprägter technologischer Externalitäten ermöglicht rasche interaktive, kumulative Lernprozesse,(Rosenberg 1982, S.120 ff) in deren Verlauf ein network von Unternehmen und Institutionen technologische Prozeß- und/oder Produktinnovationen wesentlich schneller beherrschen und damit in Markterfolg umsetzen kann als isolierte Unternehmen an anderen Standorten. Die Existenz kontinuierlicher kumulativer Lernprozesse kann dazu führen, daß ein Land (genauer: bestimmte Industriezweige in einem Land) absolute Wettbewerbsvorteile aufbauen kann.(Dosi, Pavitt und Soete 1990, S.148 ff) Diese Art absoluter Vorteile beruht nicht auf statischen komparativen Vorteilen; sie fußt vielmehr auf die Fähigkeit eines Netzwerks von Unternehmen, einen einmal erworbenen technologischen Vorsprung zu halten oder auszubauen. Darauf läßt sich eine Analyse des internationalen Handels aufbauen, die nicht mehr statische komparative Vorteile, sondern technologische Lücken als Determinanten der Struktur des Welthandels mit verarbeiteten Gütern identifiziert. Empirische Untersuchungen haben gezeigt, daß solche technologische Lücken bzw. Vorsprünge im Kontext eines leistungsfähigen Innovationssystems über einen langen Zeitraum aufrechterhalten werden können.(OECD/TEP 1992, S.250) Dieses Erklärungsmuster verdeutlicht "why, since the late 1970s, some OECD countries have run long-term, almost permanent trade surpluses and others almost equally permanent deficits;"(OECD/TEP 1992, S.251) und es widerspricht in eklatanter Weise der Behauptung, daß mit der Globalisierung die nationalen Besonderheiten hinfällig werden.

Erfolgreiche nationale Innovationssysteme, die absolute Wettbewersvorteile aufbauen können, zeichnen sich insbesondere durch einen Staat aus, der (auf der Ebene von Zentral- wie auch Provinz- und lokaler Regierung) den Aufbau von systemischer Wettbewerbsfähigkeit stimuliert und unterstützt. In einer neueren OECD-Veröffentlichung werden dazu sieben Ansatzpunkte benannt:(OECD/TEP 1992, S.254 f)

Nationale Technologiepolitik vs. Globalisierung?

Nun ging freilich in der jüngeren Vergangenheit mit der Globalisierung der Unternehmensstrategien und der Beschleunigung des technologischen Wandels auch die Globalisierung von technologischen Aktivitäten einher. Eine Reihe von Unternehmen begann damit, die betriebliche Forschung und Entwicklung (FuE) zu globalisieren und Forschungskooperationen mit Universitäten und Forschungseinrichtungen in verschiedenen Ländern zu vereinbaren. Strategische Allianzen wurden nicht nur über Ländergrenzen, sondern auch zwischen Unternehmen aus unterschiedlichen Weltregionen geschlossen.

Die achtziger Jahre waren im Saldo durch einen moderaten Anstieg von FuE-Aktivitäten transnationaler Unternehmen außerhalb ihrer Heimatländer gekennzeichnet. Der Saldo ergab sich durch die Ausweitung der internationalen FuE durch europäische Multis; bei US-Unternehmen war die FuE im Ausland rückläufig,(Freeman und Hagedoorn 1992, S.22) und japanische Unternehmen agieren bei der Internationalisierung von FuE sehr zögerlich (99,1% der japanischen Patentanmeldungen in den USA kamen im Zeitraum 1981-88 aus Japan, nur 0,7% von US-Tochterunternehmen japanischer Firmen).(Pavitt 1992, S.121) Das Verhalten europäischer Unternehmen läßt sich durch drei Faktoren erklären: Erstens die Existenz großer Multis in kleinen Ländern (Schweden, Niederlande, Schweiz), die wichtige FuE-Aktivitäten außerhalb ihres Ursprungslands betreiben; zweitens den Internationalisierungsschub innerhalb Europas im Vorfeld des gemeinsamen Markts; und drittens durch den technologieorientierten Investitionsschub in den USA, um an der dort besonders rapiden Entwicklung neuer Technologiefelder zu partizipieren.

Den multinationalen Konzerne geht es bei der Globalisierung ihrer FuE in den seltensten Fällen darum, im Stil von footlose-Industrien(Dunning und Cantwell 1991, S.53-54) Niedriglohnstandorte zu erschließen. Sie streben vielmehr danach, in besonders vielversprechenden Netzwerken einen Fuß in die Tür zu bekommen und frühzeitig über technische Neuerungen auf dem laufenden zu sein. Dies impliziert nicht, daß regionale Innovationsnetzwerke durch globale Forschungsverbünde abgelöst werden. Daß beispielsweise die meisten großen Elektronikunternehmen zumindest einen "Horchposten" im Silicon Valley haben, liegt daran, daß hier ein besonders innovatives Milieu existiert.(Teece 1992, S.100) Nicht allein, daß in vielen Produktbereichen hier die technologische Grenze definiert wird. Hinzu kommt die enge Vernetzung und intensive zwischenbetriebliche Interaktion, aufgrund derer relativ kleine Unternehmen im Innovationswettbewerb mit wesentlich größeren und finanzkräftigeren Konkurrenten im In- und Ausland mithalten können.(Saxenian 1990) Genauso erklären sich die FuE-Investitionen multinationaler Pharmakonzerne in England durch die hohe Qualität der dortigen biochemischen Forschung.(Freeman und Hagedoorn 1992, S.33)

Ein weiteres Instrument der Globalisierung von FuE sind strategische Technologie-Allianzen,(Mody 1991 und Gugler 1992) deren Zahl in den achtziger Jahren stark zugenommen hat. Von den rd. 4.200 in der MERIT- Datenbank(Freeman und Hagedoorn 1992, S.37 ff.; vgl. auch Hagedoorn und Schakenraad 1992) registrierten, zwischen 1981 und 1989 geschlossenen strategischen Allianzen wurde ein Drittel in der ersten Hälfte und zwei Drittel in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre begonnen. Fast drei Viertel der Allianzen konzentrieren sich auf drei Felder: Informationstechnologie/Mikroelektronik, Gentechnologie und Neue Werkstoffe. Knapp ein Viertel wurde innerhalb der USA geschlossen, jeweils rd. 20% zwischen US- und europäischen Firmen sowie innerhalb Europas und etwa 15% zwischen US- und japanischen Firmen; in weniger als 4% der Allianzen sind Unternehmen aus Schwellen- und Entwicklungsländern einbezogen. Die Zahl der nationalen oder intra- kontinentalen Allianzen überwiegt mithin deutlich die der globalen Allianzen, auch wenn diese letzteren häufig die schlagzeilenträchtigeren sind. Es gibt überdies starke Hinweise darauf, daß der Höhepunkt der Zahl neu begonnener Allianzen im Zeitraum 1986-88 lag und die Tendenz seither rückläufig ist.(OECD/TEP 1992, S.73) Tatsächlich haben viele Allianzen die gesteckten Ziele nicht erreicht (Rotering 1993 verzeichnet eine Mißerfolgsquote von 45%, Bleeke und Ernst 1991 bei internationalen Allianzen eine von rd. 50%.); und ihr Management hat sich als schwieriges Unterfangen erwiesen.

Der Befund zunehmender Globalisierung von FuE fußt in starkem Maße auf Erfahrungen mit science-based industries (Elektronik, Pharmazeutika, Gentechnologie), die sich an der Spitze des technologischen Fortschritts bewegen.(Zum Begriff vgl. Pavitt 1984, S.354 ff. ) Für sie ist es vital, eine global angelegte Netzwerkstruktur aufzubauen, in die weltweit führende Unternehmen und Technologieinstitutionen einbezogen sind; nur so können sie sicherstellen, daß sie auch auf der Höhe des internationalen best practice bleiben.(Gelsing 1992, S.123) Doch selbst sie betreiben den größeren Teil der FuE im Heimatland. In anderen (technologisch durchaus anspruchsvollen) Industriezweigen ist die Konzentration von FuE im Heimatland noch ausgeprägter; in der Automobilindustrie beispielsweise sind nur das Karosseriedesign (aufgrund der unterschiedlichen nationalen Geschmäcker) und das production engineering in größerem Maße internationalisiert, während die anderen Aktivitäten (Grundlagenforschung, Entwicklung von Motoren und Kraftübertragung u.a.) überwiegend am Hauptsitz stattfinden.(Freeman und Hagedoorn 1992, S.33)

Mithin ist zur Globalisierung von FuE zweierlei festzuhalten. Erstens: Sie wird als Trend häufig überschätzt. Zweitens: Die Globalisierung von Unternehmens-FuE widerspricht nicht der These von der fortbestehenden Bedeutung regionaler Innovationsnetzwerke, im Gegenteil. Dort, wo sie auftritt, entwertet sie nicht die Externalitäten im regionalen Raum, sondern sie findet überwiegend statt, weil außenstehende Unternehmen an diesen Externalitäten teilhaben wollen.

5 Schlußfolgerungen

Festgehalten werden kann, daß entgegen der Position Kniepers territorial gebundenen Produktionsfaktoren eine wesentliche Bedeutung im Prozeß wirtschaftlicher Entwicklung zukommt. Entwicklung findet auch in der globalen Ökonomie weiterhin in abgrenzbaren Räumen statt. Die EG ist ein Beispiel dafür, wie lange es dauert, heterogene Wirtschaftsräume sukzessive einander anzugleichen, bevor sie zu einem gemeinsamen Wirtschaftsraum verschmolzen werden können. Auch den ehemaligen sozialistischen Ländern wird nichts anderes übrig bleiben, als den Versuch zu unternehmen, ihre Wirtschaftsräume zu modernisieren und dynamische Standortvorteile aufzubauen, um überhaupt in der Weltwirtschaft bestehen zu können.(Matzner et.al. 1992)

Die Vorstellung Kniepers, Regulierung hätte in der globalen Ökonomie nur noch auf globaler Ebene stattzufinden, erweist sich als irrig. Vielmehr läßt sich eine Ausdifferenzierung der Handlungsebenen beobachten: Die wirtschaftspolitischen Spielräume des Nationalstaates werden durch die weltwirtschaftlichen Verflechtungen begrenzt, jedoch nicht aufgehoben. Die Globalisierung läßt es (hier hat Knieper recht) ratsam erscheinen, auch auf der internationalen Ebene wirtschafts-, aber z.B. auch umweltpolitische Handlungskompetenz aufzubauen. Zugleich gewinnen innerhalb der Nationen die Regionen an Bedeutung für die Gestaltung der Standortbedingungen. Überlagert werden diese Prozesse durch die Herausbildung von supranationalen Wirtschaftsblöcken in der Weltwirtschaft (EG, NAFTA-Block, Vernetzungen zwischen Japan und seinen Nachbarökonomien). Auf all diesen Handlungsebenen lassen sich politische Steuerungsversuche beobachten. Die Interferenzen, die sich aus der Überlagerung dieser Wirtschafts- und Politikräume ergeben, sind bisher kaum untersucht.

Entgegen der eher defensiven Variante der von Scharpf vorgeschlagenen Angebotspolitik ist aus den skizzierten Theorien internationaler Wettbewerbsfähigkeit eher die Notwendigkeit einer aktiven Gestaltung der Abgebotsbedingungen der Unternehmen herauszulesen. Der von den meisten strukturalistischen Schulen zugrundegelegte souverän agierende Nationalstaat ist dabei allerdings angesichts der Komplexität ökonomischer Entwicklung überfordert.(Messner 1992) Direkte industriepolitische Interventionen (z.B. Subventionierung einer spezifischen Industrie, Verstaatlichung oder die "Sozialisierung der Investitionsfunktion", die Keynes noch vorschwebte) verlieren gegenüber Formen indirekter Politik an Bedeutung. Dies gilt zumindest dort, wo es um die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und nicht (wie z.B. in der EG-Landwirtschaft) um Dauersubventionen geht.

Eine leistungsfähige aktive Standortpolitik kann der Staat nicht im Alleingang oder am grünen Tisch entwerfen. Er ist auf Kooperation, Informationsaustausch und gemeinsame Such- und Lernprozesse mit einer Vielzahl von gesellschaftlichen Akteuren angewiesen, um Probleme rechteitig zu erkennen, adäquate Politikinstrumente auszuwählen und diese zu implementieren. Neben oder zum Teil auch statt der traditionellen "hierachischen Steuerung" von Politik durch den Staat, kristallisieren sich ("Neither Market nor Hierachy"(Powell 1990) netzwerkartige Steuerungsmuster heraus. Der Staat setzt, z.B. um regionale Modernisierungsstrategien zu entwerfen, seine Organisationsmittel ein, um einen im Ergebnis offenen gesellschaftlichen Diskurs- und Gestaltungsprozeß zu initiieren und zu moderieren.(Simonis 1992 und Naschold 1990) Ein Beispiel für den Bedeutungszuwachs von "weichen Steuerungsmedien", der zunehmenden Relevanz von funktionierenden Kommunikationskanälen zwischen wichtigen gesellschaftlichen Gruppen, Institutionen und Organisationen sind "Regionalkonferenzen", die sich in der Bundesrepublik in einigen Bundesländern, inbesondere in Krisengebieten, in denen umfassende Restrukturierungen anstehen, konstituiert haben.(Abromeit / Jürgens 1991) Der Staat agiert als Moderator, "facilitating the blending of abilities and promoting structural networking".(Aubert 1992, S. 5) Eine Vielzahl betroffener Akteure versucht, sich auf zukünftige Entwicklungschancen ihrer Region zu verständigen, Engpässe im Modernisierungsprozeß zu lokalisieren, (ökologisch und soziale) Modernisierungskosten zu antizipieren, um diese zu reduzieren und so Orientierung zu schaffen für politische und unternehmerische Entscheidungen. In den Regionen entstehen sozioökonomische Netzwerke, in die Unternehmerorganisationen, Gewerkschaften, Verbände, lokale Verwaltungen, Technologieinstitute, Universitäten eingebunden sind. Diese schieben sich zwischen den Staat und den Markt (Mesoebene), erarbeiten Visionen - oder pragmatischer ausgedrückt: Szenarien - für die regionale Entwicklung, bereiten strategische Grundsatzentscheidungen vor und ermöglichen nicht- etatistische politische Steuerung von ökonomischen Restrukturierungsprogrammen sowie eine aktive und antizipative Strukturgestaltung.

Ein weiteres interessantes Beispiel für eine Umorientierung in der Standortpolitik schildert Charles F. Sabel (1993). In den 70er Jahren versuchten eine Reihe ökonomisch schwacher US-Bundesstaaten, über Gewerbesteuersenkungen und Subventionen für Investitionen ihre jeweiligen Standorte attraktiver zu machen. Zeitweilig kam es zu Subventionswettläufen, und die jeweiligen Bundesstaaten unterboten sich bei der Gewerbesteuer gegenseitig. Nicht selten resultierten aus den Steuersenkungen für Unternehmen und daraus folgenden sinkenden Steuereinnahmen Defizite in den öffentlichen Haushalten. Zugleich stellte sich heraus, daß viele durch diese "soft option - Angebote" angelockte Unternehmen in der folgenden konjunkturellen Krise vom Markt verschwanden. Darauf reagierten die Wirtschaftsverwaltungen einiger Bundesstaaten mit aktiveren Angebotspolitiken. Staatliche Entwicklungsagenturen planten Ausbildungseinrichtungen, um die Qualifizierung der Arbeitskräfte zu verbessern, Forschungszentren, um die Innovationsdynamik der Industrie zu erhöhen usw. Der Erfolg war mäßig und es stellte sich heraus, daß in vielen Fällen die staatlichen Angebote an den Bedürfnissen der Unternehmen vorbei entwickelt worden waren. Seit Mitte der 80er Jahre lassen sich (z.B. in Pennsylvania) Politikansätze beobachten, die den bundesdeutschen Regionalkonferenzen ähneln: "Beginning in this period, then, many states began to create programs whose purpose was to encourage firms, trade associations, trade unions, and - in a recursive second phase - the state's own agencies to constitute themselves so as to make optimal use of the available resources and identify what still is lacking."(Sabel 1993, S. 96) An die Stelle staatlicher Planung tritt ein "pooling" des know-how der betroffenen Akteure. Es scheint, als ob auf dieser Grundlage formulierte Politiken die Investitionstätigkeit der Unternehmen und deren Innovationsfähigkeit erhöhen.(Bosworth 1991)

Verlauf, Ausgang, Erfolg dieser nicht-etatistischen Steuerung von Wirtschaftsprozessen ("societal governance")(Marin 1990) sowie insbesondere die Verteilung der costs and benefits sind, wie Scharpf in vielen Arbeiten gezeigt hat, abhängig von gesellschaftlichen Verhandlungs- und Politikmustern die das Verhalten der Akteure prägen ("styles of decision-making") und die in unterschiedlichen Nationen stark divergieren.(Scharpf 1991) Diese können konfrontativ sein (wie in z.B. in GB unter Thatcher), auf egoistischer Interessenvertretung (wie in den USA) basieren oder auf gemeinsame, kooperative Problemlösung ausgerichtet sein (wie in nordeuropäischen Ländern oder auch der alten BRD).

Aufgrund des systemischen Charakters der Wettbewerbsfähigkeit wird zur Erklärung der wirtschaftlichen performance von Gesellschaften die spezifische Vernetzung zwischen Politik und Ökonomie, zwischen Unternehmen, Staat und anderen gesellschaftlichen Akteuren wichtiger als in der Endphase des Fordismus, als man von im wesentlichen standardisierten Produktionsformen, Krisenmanagementpolitiken und hierachischen Steuerungssystemen auszugehen glauben konnte. Es sind nicht, wie Knieper meint, "standardisierte Politiken", sondern nationale und sogar regionale Spezifika, die über die Entwicklung von Wettbewerbsfähigkeit entscheiden.

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